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braucht koa Mensch!, Regionalgeschichte

Deutschlandradio berichtet über die Gefahren der Chiemgau-Esoterik


Ich wollte die Woche über ja eigentlich nichts schreiben, nun lese ich diesen Artikel aus dem Deutschlandradio:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1505308/

(Zitate aus dem Artikel in blau markiert)

Es geht um Gefahren der Esoterik, um Heiler und Schamanen,
die bar jeder Ausbildung an Menschen manipulieren,
Leute heilen wollen, aus Intuition, aus göttlicher Eingabe, mit kruden Theorien.
In vielen Fällen ohne jedes medizinische und psychologische Hintergrundwissen!
Im Deustchlandfunk war die Woche eine Sendung dazu.

Uta Bange von der Sekteninfo NRW sagt dazu:
Wer würde sich ernsthaft von einem Fernfahrer operieren lassen, der zuvor erklärt hat, er habe seinen Beruf an den Nagel gehängt und sei nun durch irgendeine Erleuchtungskraft dazu befähigt worden, Gallenblasen zu entfernen?

Was dabei auffällt: alle in der Sendung namentlich erwähnten Kulte und Personen (wenn man mal von den eher lustigenen Einwürfen von Astro-TV absieht) wohnen bzw. wohnten im erweiterten Chiemgau! Mich stimmt das bedenklich!

Ich werde hier zu dradio noch weitere Informationen aus verschiedenen Quellen beifügen.

Mich wundert außerdem, dass dieses Problem offensichtlich im besonderen Maße im Chiemgau besteht,
aber nicht von der Lokalpresse aufgegriffen wird.
Stattdessen taucht sowas dann im deutschlandweiten Journalismus auf. Die Kritik kommt in der Region gar nicht an!

Als Beispiele dienen bei dradio:

1. Sabrina Sangitar, Kryon-Channel-Medium aus Rosenheim:

“Kryon vom magnetischen Dienst, ein Engelwesen des Universums, spricht durch das Medium Sabine Sangitar und lehrt in 48 Schritten die eigene göttliche Kraft zu leben. All diese Anbieter und Gruppen bieten Lebenshilfe an und nutzen dazu angeblich spirituelle Quellen.”

Über diesen Kryon-Kult schreibt die AGPF einiges: http://www.agpf.de/Kryon

Anzufügen wäre noch, dass sich diese Kryon Geschichten nicht nur an Erwachsene richten,
sondern vermehrt an die Kinder dieser Erwachsenen  (Sog. Indigo- oder Kristallkinder).
Gleichzeitig bewerben gerade die Rosenheimer einen sog. Lichtkörper- bzw. Lichtnahrungsprozess:
die absurde Idee, Menschen könnten sich von Licht ernähren.
Ursprung dieser Lichnahrungsideen ist die Australierierin Ellen Greve, in Australien und in Deutschland (München) sind bereits Leute in Folge der esoterischen Nulldiät gestorben.
Wir haben also im Umfeld von Kryonschulen die Kombination aus Lichtnahrung und Kindercoaching!
Kein Wunder, dass man im Internet mittlerweile Blogs von Schülerinnen findet,
die mit “Lichtnahrung” experimentieren! (Link und PDF liegt vor)
Hier wird die esoterische Begründung für Magersucht geliefert.
Magersucht verläuft auch ohne Esoterik in etwa 10% aller Fälle tödlich.

2. Ausserdem erwähnt: der Bruno Gröning Freundeskreis:

“”Viele Geistheiler versprechen, auch schwere Krankheiten heilen zu können. Der BrUNO-Gröning-Freundeskreis heilt angeblich durch einen göttlichen Heilsstrom. Dieser wird von dem verstorbenen BrUNO Gröning vermittelt.”

Was aber offenbar nicht immer erfolgreich ist. Die Beratungsstelle dokumentierte den Fall einer Asthmatikerin, die ihre Medikamente abgesetzt hatte, da sie auf diesen göttlichen Heilstrom vertraute. Als sie dann einen Asthmaanfall erlitt, rief sie nicht etwa den Notarzt an, sondern ein Mitglied des BrUNO-Gröning-Freundeskreises. Die Frau erstickte qualvoll. Andere Fälle enden nicht unbedingt tödlich, aber mit geleertem Bankkonto und enttäuschter Hoffnung, einer verzweifelten Hoffnung, die zuvor mit allen Tricks geschürt worden ist.”"

Bruno Gröning lebte seit 1949 im Chiemgau. Ihm wurden Heilkräfte zugeschrieben,
unter anderem auch bei Krebs. Laut Wikipedia pilgerten ab ´49 bis zu 30.000 Leute täglich nach Rosenheim zum Traberthof.
Gröning starb 53-jährig 1959 in Paris selbst an seinem langjährigen Krebsleiden,
was im Grunde schon die Heilkunst Grönings in´s Absurde dreht (Quelle: Wikipedia).
Schlimm, das heute noch über 50 Jahre nach Grönings Tod Leute durch dieses Kult sterben.

Es gibt auch noch heute Geistheiler im Chiemgau, die meinen Asthma heilen zu können, z. B. in Siegsdorf.
… durch allerlei Meditation und “Energieübertragung”, gerne auch als kurzweilige Publikums-Show…
Während Ärzte Gefahr laufen, bei solchen Dingens ihre Konzession zu verlieren,
so argumentiert der Geistheiler hier im Normalfall mit dem Recht auf freie Religionsausübung.
Know-How im medizin. Bereich sowie medizinische Gerätschaften sind für den Geistheiler sogar eher störend:
Sie könnten den Eindruck erwecken, der Geistheiler würde wirklich heilberuflich tätig sein,
bzw. wäre medizinisch soweit gebildet, um für gesundheitliche Ratschläge wirklich zur Rechenschaft gezogen zu werden! (Link)

3. zu Bert Hellinger:

“die Angebote im Bereich Lebensberatung und sogar Heilung von psychischen Krankheiten. Es ist mittlerweile schwierig, den Überblick zu behalten über die zunehmende Vielfalt dieser Angebote, erklärt Uta Bange, die Psychologin. Das fängt an bei den “Klassikern” wie Familienstellen nach Hellinger” “.

Dieses Familienstellen kam etwa Anfang der 1990er auf.
Ergänzend möchte ich noch ein paar Worte aus dem Buch
Niemand kann seinem Schicksal entgehen – Kritik an Weltbild und Methode des Bert Hellinger” anfügen:
“der Missionar hat keine solide therapeutische Ausbildung und verstößt gegen einfachste Regeln der Psychotherapie. Er propagiert ein erzkonservatives Familienbild, in dem die Frau dem Mann untergeordnet ist, Konflikte nicht ausgesprochen werden dürfen und die eigene Situation (auch von Opfern von Missbrauch oder Vergewaltigung) als Schicksal “angenommen” werden muss.”

Religio.de schreibt auch dazu zu Hellinger:
” Noch schlimmer ist sein Umgang mit Opfern sexuellen Missbrauchs. Der Mann trage keine Schuld, denn er sei “nur Blitzableiter” und “er ist sozusagen das arme Schwein”. Er könne nichts dafür, denn “die Tochter bietet sich an oder die Frau überlässt dem Mann die Tochter oder bietet sie ihm an.” Die Mütter seien “in sehr vielen Inzestfällen” nach Hellinger “die graue Eminenz des Inzest”. Sie würden sich dem Vater körperlich verweigern und ihm stattdessen die Tochter zuschieben. Der Mann könne dieser Versuchung schwer widerstehen. Inzest sei nur der Versuch, das Gefälle auszugleichen, das dadurch entstanden sei, dass man etwas vorenthalten oder nicht gewürdigt habe. Damit die von Hellinger propagierte Ordnung wiederhergestellt werden könne, müss sich nun das Opfer vor dem Täter verneigen. Doch damit nicht genug: “Die Lösung für das Kind ist, dass das Kind der Mutter sagt: ‘Mama, für dich tue ich es gern’, und dem Vater: ‘Papa, für die Mama tue ich es gern’.” Oder auch: “Papa, ich habe es gern für dich gemacht”.”
http://www.religio.de/lex/Daten/F/familienaufstellung.html

Hellinger wohnt bei Berchtesgaden.

Mittlerweile distanzieren sich viele Volkshochschulen sogar von Hellinger-Methoden,
z.B. in München (was angesichts der vielen anderen fragwürdigen VHS-Angeboten schon bemerkenswert ist).
Im Landkreis Traunstein wurde Hellinger-Herumstellen in Kombination mit diversen Reinkarnationstheorien auch von Leuten angeboten,
die hauptberuflich in staatl. und kirchl. finanzierten Beratungsstellen arbeiten.

Die gemeinsame Klammer sind Reinkarnationstherapien und Channeling

Ihr Wissen stammt von Gott, Maria, Erzengel Michael, Geistern und auch Außerirdischen. In der Reinkarnationstherapie beispielsweise werden mit Hilfe von Entspannungstechniken und Visualisierungen angebliche frühere Leben aufgesucht. Dort wird nach den Ursachen für heutige Probleme gesucht.”

Und dabei kommt dann zum Beispiel ans Tageslicht: Du bist im finsteren Mittelalter als Hexe verbrannt worden. Und deswegen leidest du noch heute unter den Folgen dieser schrecklichen Erfahrung, deswegen hast du solche Probleme, dein Leben in den Griff zu bekommen.

Mich stimmt diese Entwicklung sehr bedenklich.
Besonders auch, dass so viel davon in der Region passiert.
Ich finde es äußerst fragwürdig, dass sich seit einigen Jahren ein “Gesundheits”-Bereich entwickelt, bei dem statt auf Fakten immer mehr auf die Beliebigkeit der Metaphysik ausgewichen wird.
Argumentationsweisen, mit denen mal alles – und somit gar nichts – erklären kann.
Der Mensch, die Vernunft, die Verantwortung ist dabei egal. Was zählt ist der eigene Kult.
Wahrheit ist egal! Was zählt ist der Gewinn, die Bestätigung!.
Das kann´s nicht sein! Weder im echten Medizinbetrieb noch in der Pseudoheilerbranche.

Ich verstehe Leute nicht, die sich auf diese Art von Erklärungen einlassen.
Ich weiß, dass es Lebensphasen gibt, in denen man vielleicht gefährdeter ist, sich von solchen einfachen wie falschen Erklärungsversuchen der Esoterik einfangen zu lassen.
Getrieben von der Hoffnung, dass jemand einem die Last von den Schultern nimmt:
Wie wäre das Leben auch einfach, wenn man davon ausgehen könnte, alles wäre irgendwie vorbestimmt.
….Und der geistige Führer hätte auch noch die Antworten…
Das Orakel, der Schamane, Heiler oder Hellseher soll abnehmen, was zu schwer scheint!
Was dabei verloren wird (außer jeder Menge Geld) ist Freiheit, die Selbstständigkeit. Und in vielen Fällen, auch im Chiemgau, das Leben selbst.

So ist es auch in Inzell der Frau von Joachim Hüssner gegangen. Sie hatte sich einer dort ansässigen Geistheiler-Sekte angeschlossen, hat für diese Gruppe alles aufgegeben, die Existenz, die Kinder, im Jahre 2009 das eigene Leben.
Herr Hüssner hat dazu ein Buch geschrieben, sammelt derzeit solche Schicksale, um im “Projekt 1001″ diese Geschichten nach Berlin in den Bundestag zu bringen:
www.einweghinterslicht.de

weitere Links:
www.sekten-info-nrw.de
http://www.amazon.de/Die-Seelenpfuscher-Pseudo-Therapien-krank-machen/dp/3499625865/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1311354812&sr=8-1
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/1505308/

Über jemseneier

Chiemgauer

Diskussionen

Eine Antwort zu “Deutschlandradio berichtet über die Gefahren der Chiemgau-Esoterik”

  1. Ich hatte letztens ein Gespräch mit einem älteren Herrn, dem eine Mitarbeiterin eines Pflegedienstes den freundlichen Hinweis auf eine Wunderheiler-Veranstaltung gab. Er war in Folge eines Medikamenten-Problems im Krankenhaus gelandet und nach der Entlassung noch reichlich schwach, daher die Unterstützung durch den Pflegedienst.
    Er ging, neugierig wie er war, zu dieser Veranstaltung. Es hat ihm wohl aber nicht weiter zugesagt.
    Die freundliche Empfehlerin klingelte in der Folgezeit nochmal bei ihm und fragte ihn nach seiner Erfahrung mit der Veranstaltung.
    Und was antwortete er – “oh, vielen Dank, aber mir ging es nicht so gut, ich mußte da leider wieder bald gehen. Ich habe zur Zeit so gesundheitliche Probleme, wissen Sie…”

    Nie wieder ward etwas von diesen Leutchen gehört.
    Welche, die richtig krank sind, wollen sie vielleicht nicht grad rekrutieren.

    Geschrieben von yerainbow | Juli 23, 2011, 10:03 vormittags

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