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Ein Sommer in Orange – die Fortsetzung…


Ich hab mir vor ein paar Wochen im „Mikes Kino“ in  Bernau den Film „Sommer in Orange“ angesehen.
Von Marcus H. Rosenmüller, kommt ursprünglich aus der Miesbacher Region, also nicht mehr ganz Chiemgauer, aber fast…
Jedenfalls hat er ein ganz ähnliches Lebensgefühl;-)

http://www.sommerinorange.de/

Es ist die Geschichte einer Osho/Bhagwan-Kommune in Oberbayern.
Der Film lebt vom Aufeinandertreffen von „Welten“:
Kurz zusammengefasst: katholische Spieser treffen auf orange Bhagwan-Spieser,
und was dann dabei so alles schräges passiert.
Sehr lustig, absolut sehenswert!
Sannyasin, die in Ihrem Tun in vielerlei Hinsicht genauso spiesig,
eingefahren und voreingenommen sind, wie die Dorfbevölkerung.
Charaktere, die in einer durchaus sympathischen Naivität durch´s Leben gehen,
manchmal aber auch über den Schatten der eigenen Konventionen springen.

Leute, die sich auf eine unbekümmerte Art und Weise GANZ um sich selbst kümmern,
um zum Beispiel spirituell irgendwie „weiter zu kommen“,
Kinder die verzweifelt nach Essen suchen.
Dörfler, die argwöhnisch die Neuankömmlinge beobachten,
für die viele Mittel recht sind, um die Leute wieder los zu werden.

Die Religionen, die Institutionalisierungen kommen (egal ob Bhagwan oder Kirche) alle nicht gut weg,
die Personen im großen und ganzen aber dann doch!
Dadurch schafft  Rosenmüller trotz aller enthaltenen Kritik einen sehr lustigen Film.


Sympatisch ist der Film immer besonders dann, wenn die eigenen Ideologien übertreten werden,
die religiösen und esoterischen Dogmen ignoriert werden und es wieder menschelt:
– Der Vegetariar zum Beispiel, der heimlich Würstel kauft
und auch mal die Gelegenheit nutzt dem Oberguru „Prem Bramana“ ein blaues Auge zu verpassen.
– Oder die Bhagwan-Anhängerin, die mal zwischendurch den Postboten vernascht,
anschließend vom Rest des Clans zurechtgewiesen wird,
weil sie sich so ihre ganzen positiven Energien versaut…
– Oder die Kinder, die sich im Gegensatz zu den Erwachsenen in der Schule sowieso ständig überall arrangieren müssen.

Im Hintergrund steht immer dieses komische „An-Sich-Arbeiten“,
das aber im Grunde auch nur Oberfläche bleibt:
Was das bedeuten soll, bleibt sehr unklar und typisch esoterisch wirr:
Man sieht Szenen, wo man irgendwie „Therapie“ macht, Urschrei uns sowas…
Amitra versucht dabei die die Beziehung zu ihrer eigenen Mutter aufzuarbeiten,
… während die beiden eigenen Kinder Lili und Fabian gerade verzweifelt in der Nachbarschaft nach etwas zu Essen suchen.
Die Post wird nicht mehr geöffnet, die Realität der Sannyasin verliert sich im „Selbstfindungs“- Gelaber.

Was ist wirklich dran an der Selbstfindung, den Kursen, der „Therapie“?
Sidharta, Ex-Liebhaber von Amitra und Österreicher mit Wiener Schmäh  bringt´s auf den Punkt:
„Der will doch nur pudern“.
Lauter Männer und Frauen, die (beinahe) alles um sich vergessen,
wenn man nur ihre spirituellen Knöpfe drückt, wenn man von „Energien“ faselt,
von der gleichen Welle und dem selben Stern.

Das Ergebnis dieses Selbstfindungszaubers: den Freund mit esoterischen Hohlphrasen zu manipulieren.

Auch Amitra lässt sich gerne von Hohlphraserei und Ambiente einwickeln.
Es kommt fast so weit, das Sie ihrem spirituellen Einflüsterer „Brem Branana“
in die neue Kommune nach Oregon folgt,
gleichzeitig Lili und Fabian in ein Sanjassin-Heim nach England abschiebt.
Vorher erklärte dieser  Brem Branana noch:
„Die Lebensform der Zukunft ist die Kommune, die Kommune ist wie eine große Familie“

Dagegen steht die starre bayerische Gemeinde:
zu fest verwurzelt in ihren Traditionen und in ihren Vereinen.
Männer die sich natürlich auch für Sex interessieren,
aber den Trick mit den „Energien“, „gleicher Welle“ und „selben Stern“ (noch) nicht `raus haben…
Sie kommen durch Ihr „Eingenähtsein“, der aufgesetzen Religiösität
und der ablehnenden Grundhaltung gegenüber Fremden sehr borniert ´rüber.
Eine Borniertheit, die sich allerdings im Laufe des Films ganz ähnlich auch auf Seiten der Sanjassin findet.

Immerhin schafft Amitra  in letzter Minute den Absprung von ihrem spirituellen Führer Brem Branana
und lässt ihn alleine wieder fort ziehen, in die Kommune nach Oregon.
Die Familienbande war in diesem Fall fester als das System.

Nach dem Film: Was ist aus der Kommune in Oregon geworden?

Für die Sannyasin ist die neue Kommune das gelobte Land: Eine weitgehend autarke Stadt auf einer trockenen Ranch, die durch Bewässerung von Ihnen urbar gemacht wurde.
Das Sinnbild für ihren Lebensstil, in dem ganz unten „Basisdemokratie“ herrscht, nach oben aber dann eine Guru-Hierachie das Sagen hat.

Für mich ist das eigentlich die ganze Absurdität dieser Vorstellungen:
Eine oberflächlich gelebte Freiheitsliebe,
die man jederzeit für spirituelle Manipulationen und Führerprinzip an den Nagel hängt.
Es ist fast wie überall in der Esoterik:
Freiheit wird zum primitiv-platten Austausch von Autoritäten!
Was kommt ist dann genau das krasse Gegenteil von Freiheit!
…wie ich am Beispiel Oregon noch zeigen werde!

Am Ende des Filme erzählt Rosenmüller, was die ganzen Protagonisten heute machen,
ich finde es hätte auch einen kleinen Hinweis gebraucht, was aus der Kommune in Oregon geworden ist!
Dem gelobten Land, auf das sich alle so gefreut haben?

Wenn aus Harmonie Horror wird

Ein paar harte Fakten zur Kommune findet man bei Wikipedia. Es ist aber nur die Andeutung von dem, was sich in Osho/Bhagwan großer Kommune in des USA wirklich abgespielt hat.

1982 wurde die Stadt Rajneeshpuram auf dem Gelände der Ranch gegründet.
In der relativ unwirklichen Gegend wurde eine komplette Infrastruktur aufgebaut,
mit Post, Schule, Feuerwehr, Einkaufszentren, Restaurants und ein öffentliches Transportsystem mit 85 Bussen.
Um die ganzen Leute dort einreisen zu lassen, mußten die Sannyassin schon das Recht dort beugen: Scheinehen wurden erklärt, außerdem gab´s jede Menge Rechtsstreitigkeiten wegen fehlender Baugenehmigungen.

1983: Spätestens nach einem Bombenanschlag in einem Bhagwan-Restaurant im 380km entfernten Portland,
bei dem niemand verletzt wurde, änderte sich die Ausrichtung der Kommune.
Waffen wurden gekauft und Milizen aufgestellt.

1984: In die Kommune werden mehrere Tausend Obdachlose herangefahren,
um für die anstehenden Kommunalwahlen in Wasco County den Stimmenanteil der Sannyasin zu erhöhen. Die Behörden riechen den Braten und es werden kurzfristig die Wahlzulassungen geändert,
sodass die Obdachlosen kein Stimmrecht erhalten.
Nach diesen Vorgang werden die hergekarrten Neuankömmlinge von den Sannyasin wieder in andere Städte verfrachtet.
Auch im Zuge dieser Wahlen wird auf Geheiß der Sannyasin-Führung das Essen  verschiedener Restaurants der Kleinstadt The Dalles mit Salmonellen vergiftet,
um dort Wahlberechtigte krank zu machen und so das Ergebnis der Wahlen zu beeinflussen.
Etwa 750 Menschen erkrankten, 45 mussten ins Krankenhaus.

Ausserdem wurden im Lager Abhöranlagen im Telefonsystem installiert,
Sannyasin, die mit dem Führungsstil nicht einverstanden waren wurden isoliert und unter Druck gesetzt.
„Die internen und externen Konflikte hatten bei Sheela (der rechten Hand Bhagwans)
und ihrem Führungsteam eine Spirale der Verzweiflung ausgelöst,
die schließlich in soziopathischem und kriminellem Verhalten mündete“
(Quelle Wikipedia)

Faschistoider Albtraum

Aus der Kommune wird das, was Bhagwan im Auseinanderbrechen selbst als „faschistoiden Alptraum“ bezeichnet

Etwas genauer schildert ab da das Buch „Die esoterische Verführung“ die weiteren Zustände.
Der Autor des Kapitels Heinz Gess:

Bhagwans Kommune in Oregon, das selbsternannte Zentrum der schönen neuen Welt,
zerbrach 1985, nachdem Ma Anand Sheela, Organisatorin der Kommune und langjährige Vertraute Bhagwans,
sich vom Meister lossagt und das Weite gesucht hatte.
Diesem Zusammenbruch verdanken wir einige unfreiwillige und höchst bemerkenswerte Einsichten Bhagwans.
Um sich an den Abtrünnigen zu rächen, scheut er eine lange verleugnete Wahrheit nicht mehr
und nennt seine Kommune im Nachhinein freimütig ein „Konzentrationslager“ und einen „faschistoiden Alptraum“.
„Unsere Kommune war eine Art Nazi-Deutschland im Kleinen.
Es war der Gleiche Anfang, doch die Sache wurde früher gestoppt als bei Hitler.“ …

Weiter soll Bhagwan gesagt haben „Ihr seid nichts als Versager und Idioten.
Ihr seid blind daß ihr nicht gemerkt hat, wie Sheela zur Diktatorin wurde“

Sheela sieht das wohl ähnlich, allerdings ist sie mit der Schuldverteilung nicht einverstanden:
„Nicht nur Bhagwan, auch die abtrünnige Sheela weiß es nachher besser und bestreitet nicht mehr,
das Bhagwans Kommune „eine Art Konzentrationscamp“, „ein faschistisches Lager“ gewesen sei,
nur beruft sie sich auf den Willen des Führers, den allein sie ausgeführt habe:
„Er war immer derjenige, der mir gesagt hat was zu tun sei.
Und wie ich es zu tun hatte (…) alles was ich weiß hat er mir beigebracht.“
Was jeder, der sein Denken nicht völlig aufgegeben hat, wie Bhagwan es von seinen verlangt,
aus seinen Reden und Schriften längst schon lesen konnte, geht den Abtrünnigen nach der Trennung endlich von selbst auf.
„Zwischen Bhagwan und seinen Jüngern habe ein Verhältnis „totaler Abhängigkeit“ geherrscht…

Unwahrscheinlich, das Bhagwan von alldem nichts gewußt hat.
Viel wahrscheinlicher ist, das er natürlich über die Vorgänge informiert war,
sich durch die Abwälzung der Schuld einfach nur abgewischt hat.
Das er sich zum Befreier eines Systems heraufschwingt, das er selbst (mit) eingesetzt hat.

Im Grunde genommen ist es auch egal, wer was von den Beiden veranlasst hat.
Was falsch ist, ist das System: Wenn Leute glauben Freiheit zu erlangen und nur die Autoritäten tauschen.
Wenn dann noch die Esoterik in´s Spiel kommt,
die Verheißung zum priviligierten auserwählten erleuchteten Kreis zu gehöhren. Die Vorsehung…
Ein Spiel, das sich immer wieder wiederholt.

Ein Lehrstück!

Es ist ein Lehrstück, wie Faschismus funktioniert.
Die Parallele zu der Eltern- und Großelterngeneration,
die über ähnliche theosophische Vorstellungen (Ariosophie – auch indischen buddhistisch-hinduistischen Ursprungs)
in den Nationalsozialismus gestolpert sind, darf gezogen werden.
Die Ideen der Theosophie werden im „New Age“ nur noch einmal aufgewärmt.

Der Faschismus liegt im System, dem bedingungslosen spirituellen Führertum,
der Überordnung esoterischer „Weisheit“,  über die Ideen der Aufklärung und Demokratie.
Gepuscht noch durch Paranoia, die Panik vor der Aussenwelt.

Der Autor zieht zusätzlich noch Vergleiche mit Jonestown,
bei dem sich 913 Sektenmitglieder in einem ähnlichen Ausnahmezustand um´s Leben brachten.

Bhagwan wird Ende 1985 aus den USA ausgewiesen.

Also, der Film ist absolut sehenswert, es gibt lustige Szenen und Zusammentreffen.
Die Hauptdarsteller schaffen es, die Reissleine zu ziehen. Oregon bleibt ohne Oberbayerische Berliner!
Umbedingt ansehen!
…und wenn Sie schon mal da sind, und sich ein paar Leute euphorisch in die Zeit zurückwünschen, dann erinnern Sie die Leute bitte ganz sanft daran,
was aus dem gelobten Oregon geworden ist.
Oder schicken Sie ihnen einfach meinen Link ;-)

LG, Jemseneier


Weiterführende Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Osho

http://www.agpf.de/Osho-Bhagwan.htm

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