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braucht koa Mensch!, Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Der Mond hat keine Menstruation! – über die lieben Mondphasen


Heute haben wir ein besonderes Ereignis: Eine totale Mondfinsternis.
Hier regnet´s leider und man kann nichts erkennen.
Immerhin ist es einmal ein Anlass um den ganzen Mondmythen auf den Zahn zu fühlen.

Dazu eine kleine Geschichte:

Einmal vor ein paar Jahren im Zug nach München lauschte ich einem Gespräch unter zwei älteren Damen.
Es hatte vorher wochenlang geregnet und Eine der Beiden war wohl leidenschaftliche Gärtnerin.
Eine Passion die mittlerweile teile! Es gibt nicht viel schöneres für´s Gemüt als Gartenarbeit.
Die Dame bedauerte den langen Regen und würde nun endlich gerne wieder in ihrem Garten werkeln.
Nur leider wäre ausgerechnet jetzt, wo das Wetter passen würde, der Mond in der falschen Phase…
Oh-jeh…!

Ich wollte mich nicht einmischen,
in der Kürze erntet man dann auch meistens nur Aggressionen.
Ich hätte ihr gerne gesagt:
Lassen sie sich doch von den doofen Mondphasen nicht abhalten!

„Mondphasen“ haben keinerlei Auswirkung auf das Pflanzenwachstum.
Die Gartenarbeit tut Ihnen gut, gibt ihnen einen Sinn, hält Sie gesund!
Gartenarbeit ist Naturmedizin im besten Sinne!
Gut für die Seele, dazu frische Luft und Bewegung.

Die Mondphasen-Esoterik ist genau das Gegenteil!
Sie hält sie davon ab, durch unsinnige Argumente auf Basis hahnebüchener Analogiebetrachtungen.
Sie ist komplett widernatürlich!

Eine dieser Analogiebetrachtungen geht so:
Der abnehmende Mond soll alles verbessern was mit Abnehmen, Verschwinden, Verkleinern etc. zu tun hat.
Der Mond nimmt aber nicht ab, hier ist der Sprachgebrauch schon Unsinn!
Ich hoffe, dass dies heute niemand mehr im Ernst glaubt!
… aber manchmal habe ich da meine Zweifel!

Behauptungen

Es gibt eine ganze Reihe an Erklärungsmodellen und Behauptungen zum angeblichen Mondeinfluss auf den Menschen.
Die wichtigsten habe ich hier einmal zusammengestellt:

Anziehungskraft (Gravitation) des Mondes

Der Mond hat eine Anziehungskraft, die durch Ebbe und Flut sichtbar wird. Stimmt! – aber:
Über den Tag verteilt wechselt sich Ebbe und Flut zwei mal ab, und da liegt auch schon der Denkfehler!
Wenn diese Gravitationskraft Auswirkungen auf unser Befinden, Gesundheit etc. hätte,
so nicht im monatlichen Rhythmus, sondern täglich zwei Mal!
Der Vergleich von Mondphasen und Ebbe/Flut ist also Nonsence.
Es sind oberflächliche, unschlüssige und unsinnige Analogiebetrachtungen,
die in ihrem zeitlichen Auftreten nicht zusammenpassen.

Nebenbei ist die Mondgravitation viel zu gering um auf den Organismus zu wirken.
Grund hierfür ist die viel zu geringe Masse von Lebewesen und gleichzeitig die zu minimale Gravitationskraft des Mondes.
Die Mondgravitation hat nur Auswirkungen auf ganz große Massen, also z.B. auf den Meeresspiegel!
Beispiel Chiemsee: schon mal da einen täglichen Tidenhub beobachtet? Selbst der Chiemsee ist schon zu klein!
Er ist praktisch nicht vorhanden! Profis sprechen von einem Millimeter.

Mondholz und Pflanzen

Wieder ein falscher Rhythmus!
Wenn hier die Mondgravitation wieder eine Rolle spielen sollte,
müsste man die Bäume bei Flut oder Ebbe (2xtäglich!) fällen anstatt bei Neumond.
Das Mondholz in irgendeiner Weise besser wäre ist nicht nachgewiesen,
die Behauptung basiert wohl eher auf selektiver Wahrnehmung (Siehe Beispiel weiter unten: „Geburten bei Vollmond)
und dem Geschäftssinn von Mondholz-Anbietern.

Bäume und Pflanzen saugen Wasser aus der Wurzel durch den sogenannten Kapillareffekt:
Kapillare sind dünne Faserschläuche der Pflanze in denen das Wasser hochgezogen wird.
Passiert durch die Oberflächenspannung der Flüssigkeiten (Link).
Je dünner die Kapillare desto höher steigt das Wasser.
Durch Verdunsten an der oberen Öffnung entsteht ein Unterdruck, der Wasser von unten nachzieht.
Die Kapillarwirkung hängt von der Stärke der Verdunstung ab,
von der Oberflächenspannung des Wassers und vom Durchmesser der Röhrchen – nicht von den Mondphasen!

Monatsblutungen

Eine  Analogiebehauptung ist, das der Zyklus einer Frau einer Mondperiode entspricht.
Auch zu kurz gedacht!
Die durchschnittlicher Dauer eines Zyklus beim menschlichen Weibchen beträgt 28 Tage,
der Mondzyklus hat aber eine Dauer von 29,5 Tagen.
Wobei die 28 Tage auch nur der Durchschnitt sind. „Normal“ ist beim Menschen alles zwischen 23 und 35 Tagen
Schimpansen haben einen Zyklus von durchschnittlich 37 Tagen, Meeschweinchen einen von 11 Tagen. Andere Tiere haben ihren Eisprung nur zu bestimmten Jahreszeiten…
Die Zyklusdauer hat also nichts mit dem Mond zu tun sondern ist rein vom jeweiligen Lebewesen abhängig!

Echte alte Mythen und angeblich altes Wissen

Der Mond hat seit jeher zu Spekulationen eingeladen und wurde in viele Religionen eingebaut und entsprechend mythisch aufgeladen.
Es gibt oberflächliche Gemeinsamkeiten in diesen Anschauungen,
die zwar auf Naturbeobachtungen basieren,
aber ohne dem astronomischen Wissen das uns seit ein paar hundert Jahren zur Verfügung steht.

Ich hab mal ein bisschen nach-recherchiert
und ein Buch einer Psychologin Geza Roheim aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts gefunden,
die Mondmythen vieler Völker zusammenfasst hat.
(ihre zugefügte Psychoanalyse ist  mir dabei viel zu indirekt und spekulativ).
Ich persönlich kann über dieses Buch drei Typen von Mondmythen ausmachen,
die überall auf der Welt auftauchen können:

Typ a) Der Mond mit Bewohnern: Als Sitz von Göttern und Menschen.
Entspricht vielleicht einfach dem Wunsch des Menschen nach einem sicheren unerreichbaren
und übersichtlichen Wohnort.
So einen Ort lässt man auch gerne seinen Göttern angedeihen.
Aus dem gleichen Grund baute man auch Kapellen und Kultstätten auf Anhöhen,
wie hier das Foto von der Kapelle auf dem Schnappenberg, der Mond steht direkt daneben.


.

Typ b) Der Mond als Wesen,
das entsprechend der Mondphasen wächst und dann wieder verschlungen wird
Die einfachste Erklärung für etwas was etwas kleiner wird: Es wird einfach gefressen.

Typ c) Der Mond als Wassergefäß:
Interessanterweise ein Mythos den man sowohl am Meer als auch in der Wüste trifft.
Die Sache mit dem dem Wassergefäß hat wohl mehrere Gründe.
Einer davon ist wahrscheinlich die Ähnlichkeit zu Wolken, wenn man den Mond gelegentlich tagsüber sieht.


Eventuell kommen Farbe, Schimmer und ein paar sichtbare Strukturen hinzu.
Das wäre auch eine „Gefäß“-Erklärung in Wüstengebieten.

Der Andere Grund den ich annehme hat wieder etwas mit den Gezeiten zu tun.
Es gibt die sogenannte Springflut, die etwas stärker ist als eine normale Flut.
Sie kommt kurz nach dem Vollmond vor, aber auch bei Neumond.


.
Bei Vollmond zieht der Mond auf der einen Seite.
Direkt auf der anderen Seite zieht die Gravitationskraft der Sonne,
immerhin noch mal halb so stark wie die Mondgravitation.
Die beiden verformen gemeinsam die Wasserfläche der Erde zu einer „Ellipse“.
So entsteht eine Flut, die stärker ist als die des Mondes alleine.

Jetzt ist es aber so, das die starke Springflut oft erst ein paar Tage nach Vollmond eintritt,
an der deutschen Bucht z. B. auch erst  3 Tage später.
Anscheinend schaukelt sich das über die Gezeitenströme langsam hoch.

Für die Menschen sieht das dann aber so aus:
Zuerst gibt´s niedriges Wasser und den vollen Mond,
daraufhin steigt das Wasser, gleichzeitig reduziert sich der Mond.
Ganz klar: Der Mond muss ein Gefäß mit Wasser sein, dass sich über die Erde ergießt.

Zum Glück wissen wir das heute besser!
Obwohl mittlerweile echtes jahrhunderte-altes Wissen solche Mondanalogien ad absurdum führen,
haben sich die Mythen in den Köpfen der Leute erhalten!
Nicht nur erhalten, sondern man hat den Unsinn ständig auf weitere Lebensbereiche übertragen!
Im Mittelalter war man sich sicher, über den Mondstand den optimalen Zeitpunkt für einen Aderlass ermitteln zu können!
Das Aderlass selbst ein noch größer Unsinn ist hat man dabei übersehen…
Gleichzeitig gibt es Bauernregeln zum Mond, die regional und von Ort zu Ort verschieden waren, sich gegenseitig widersprechen.

Was aber heute in der Regel zu uraltem Wissen erklärt wird,
geht eher auf Analogie-Behauptungen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts zurück:
Dr. Helmut Groschwitz, Kulturwissenschaftler an der Uni Regensburg erklärt in einem Artikel im Magazin „Skeptiker“ (2/2007), das sich  „ein derart kohärentes und komplexes System an Mondregeln, wie es bei Paungger und Poppe (zwei aktuelle Mondbuchautoren) beschrieben wird, in historischen Quellen nicht nachweisen“ lässt.
Statt dessen sieht er den Ursprung dieser Monddeutungen eher bei Rudolf Steiner um 1920 und seiner Anhängerin Maria Thun ab etwa 1960.  „Interessanter Weise lehnen aber die Anthroposophen die überlieferten Mondregeln weitgehend ab“.
Wohl also doch kein uraltes Wissen sondern einfach nur ziemlich frisch umettiktiertes Anthroposophen-Geschwurbel?…

schlecht schlafen bei Vollmond?

Untersuchungen beweisen, dass man bei Vollmond genauso gut schläft wie bei anderen Mondphasen.
Einzig allein kann die hellere Umgebung den Schlaf beeinträchtigen.
Mein Tipp ist in dem Fall einfach die Vorhänge zu zuziehen.

mehr Geburten bei Vollmond?

Ist ja so eine Hebammen-Hoax, aber längst widerlegt!
Was aber viele Mondgläubige nicht davon abhält dies immer wieder zu behaupten.
Solche Sachen basieren auf dem psychologischen Phänomen der selektiven Wahrnehmung,
Das geht in etwa so:
Eine Hebamme hört aus einer Quelle (Kollegin?), dass bei Vollmond mehr Kinder kommen als an anderen Tagen. Folgendes kann dann passieren:
Situation 1: Viele Neugeborene, aber Halbmond, Neumond etc. Ist  also nichts besonderes, wird bald wieder vergessen.
Situation 2: Viele Neugeborene und Vollmond: Die „Mustererkennung“ schaltet sich ein!
Die Hebamme erinnert sich an die These *Viele Kinder bei Vollmond!* … und „bestätigt“ sich dies damit.
Die vielen Kinder während einer anderen Mondphase hat sie dabei aber längst vergessen!
Die selektive Wahrnehmung lässt die Behauptung also nur bestätigt erscheinen.
Ob´s wirklich stimmt, würde nur die Sicht auf eine entsprechende Geburten-Tabelle zeigen!
In solchen Tabellen (z.B. aus Krankenhäusern) ist nie ein Zusammenhang mit Mondphasen und Geburten nachgewiesen worden!
Eine ganz klassische Fehlinformation durch selektive Wahrnehmung.

Moderne Mythen

Der Mond hat den Menschen seit jeher fasziniert.
Viele Mondmythen haben sich erhalten und haben ein teilweise ziemlich komisches Eigenleben:
So soll nach manchen Braun-Esoterikern Adolf Hitler in der Reichsflugscheibe zur eigenen Mondbasis
geflogen sein und dort vielleicht überlebt haben…

Gleichzeitig kann man dann bei den gleichen Verlagen lesen, die Amerikaner wären nie auf dem Mond gewesen… Naja, Verschwörungstheoretikern kann man nicht mit Logik kommen, es ist eine Religion!
Und wenn man den Mond als Sitz ihre Götter ansieht (Typ a), haben die dort womöglich lieber den Hitler sitzen als Amerikaner und Russen….

Zum Abschluss

Der Mond hat uns immer fasziniert.
Durch den Aufbruch zum Mond in den 60ern und 70ern wurden auch noch viele neue Technologien erfunden,
von denen wir in vielen Bereichen heute noch profitieren.
Die ganzen Solartechnik zum Beispiel nimmt hier ihren Ursprung.

Die Baywa bringt jedes Jahr einen Mondkalender heraus,
regionale Prospekte von Supermärkten bauen die Mondphasen in ihrer Werbung ein.
Es ist der Versuch an Traditionen anzuknüpfen um möglichst volksnah zu erscheinen.
Volksnähe ist ja gut und schön, aber muss man dabei umbedingt so einen Unsinn forcieren?
Es könnte ja auch sein, das die Dame von Anfang meines Posts bei dem guten Wetter schnurstracks in die Baywa gelaufen wäre, um sich ein paar nette Blumen zu kaufen. Das macht sie nun nicht!
Liebe Baywa, da seid ihr jetzt selber schuld!

Weiterführende Links:

http://dermond.at/mondphasen.html

http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/64-mondglaube?catid=104%3Aaberglaube

http://www.sueddeutsche.de/wissen/esoterik-siegeszug-der-mondkalender-1.1023207

 

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