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Uncategorized, Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Der Rückschaufehler


Liebe Leser,

heut geht´s mal wieder um Basics für Skeptiker, um den sogenannten Rückschaufehler.

Der Rückschaufehler ist die systematische Fehleinschätzung der Vergangenheit,
mit dem Ziel sich in der Gegenwart ein klein wenig schlauer und besser vorzukommen.

Als Beispiel eine kleine private Geschichte vor etwa 14 Jahren:

Eine Bekannte aus Rosenheim, nennen wir sie Paula,
hatte eine langjährige Beziehung mit einem ganz netten Kerl, sympathisch, offen, ehrlich, lustig.
Die Beiden hatten jahrelang von einem mehrmonatigen Roadtrip durch Australien geträumt,
sich diesen Traum irgendwann verwirklicht.
Erfüllt von den Erlebnissen kam Paula mit ihrem Freund zurück aus dem Urlaub,
und sie zeichneten ein wunderbares Bild der Ereignisse, ihres Zusammenseins und ihrer Partnerschaft.

Keine 14 Tage später (muss wohl auch gerade Herbstfest in Rosenheim gewesen sein) trifft man Paula wieder.
Sie hatte sich mittlerweile von diesem Freund getrennt, der Nächste saß schon auf der Couch!
(Warum? Ich denke, das man wohl einfach nachher in so eine Art Sinnkrise stürzt,
wenn man sich die Träume erfüllt hat, auf die man vorher jahrelang hingearbeitet hat?
– ist hier auch nicht Thema)

Tja, jedenfalls war Paulas Analyse ihrer mittlerweile verflossenen Beziehung plötzlich eine ganz andere:
Was zwei Wochen vorher noch die pure Erfüllung war, wurde plötzlich zur abgeschlossenen Tragödie,
die Trennung mit einer schicksalhaften Mystik hinterlegt: „Es hat nicht sollen sein, war ohnehin klar…“

Die Frage dahinter:
Wie kann es sein, das man innerhalb von 14 Tagen zu einem so unterschiedlichen Ergebnis kommen kann,
die eigene Lebensgeschichte betreffend?
Von „alles super“ auf „alles Kacke“?

Wer kann so flexibel sein in seiner eigenen Haltung?

Typisch für so einen Rückschaufehler

… sind hinterher Aussagen wie:
„das hat ja so kommen müssen“
„ich hab´s ja immer schon gewusst“
…kombiniert mit der äußerst selektiven Reihung von Erlebnissen,
unter gleichzeitiger Ausblendung von allem, was dagegen spricht.
Passende Ereignisse werden so in Reihe gestellt, das es nur zwingend dahin führen konnte,
wo man gerade steht.
Ähnliches passiert beispielsweise auch beim Astrologen, dessen Prognosen immer stimmen,
wenn die Richtung von jetzt auf gestern ist – und nicht von jetzt auf morgen.

Das Ziel ist, die Vergangenheit so der eigenen Werteordnung anzupassen,
daß das Selbstwertgefühl nicht beschädigt wird! … sondern vielleicht sogar noch verstärkt!

Die Süddeutsche schreibt zum Beispiel dazu:

„Wer halbwegs glaubhaft machen kann, „es“ schon immer gewusst zu haben,
gewinnt Vertrauen – und sei es auch nur das eigene.“

„Fundament des Rückschaufehlers ist, dass es dem Menschen grundsätzlich schwer fällt,
sich korrekt an frühere Geisteszustände zu erinnern.
Schwummrige Erinnerungen aber lassen sich leicht beeinflussen – in der Regel zum eigenen Vorteil.“

In diesem Fall

soll der Rückschaufehler den Anschein wahren, mit klaren Gedanken oder in einem höheren Zusammenhang zu handeln,
statt den offensichtlich einfachen niederen Instinkten zu frönen.
Einfach mal die hormongesteuerte Primitivität einer Handlung als höheren Sinn verkaufen,
das ist Esoterik in Reinform.

Die Frage im Nachhinein

im Nachhinein stellt sich immer die Frage, warum man nicht vorher schon anders handelte,
wenn man doch schon vorher gewusst hätte, wie eine Sache ausgeht?

Warum hat niemand seine Aktien abgestoßen, vor dem letzen Crash?
…wenn sie´s alle hinterher doch gewusst haben?
Oder warum hat also Paula ihren Freund überhaupt noch nach Australien begleitet,
wenn sie ihn eigentlich eh schon verlassen wollte?
Ich meine, ist das nicht eigentlich grausam der Umwelt und dem anderen gegenüber,
solches Wissen im Nachhinein vorzugaukeln?
…auf die Art und Weise macht man sich zum brutalst berechnend agierenden Opportunisten,
den man als Freund eigentlich nur noch mit Hass und Ekel entgegen treten kann!
Der kurze psychologische Vorteil wird im Endeffekt zum moralischen Inferno,
(für den Paulas Freund wird´s deshalb vielleicht sogar ein Glück gewesen sein, verlassen worden zu sein.
Mit Leuten die ihre Lebensgeschichte derart verbiegen können kann man auf Dauer eh nichts mehr anfangen.)

Zum Schluss

Ganz wird man wohl selbst nie gefeit davor sein, selbst einem Rückschaufehler zu erliegen:
irgendwie muß man schließlich Geschehnisse für sich selbst aufarbeiten.
Man kann nur einfach versuchen kritisch zu bleiben und immer darüber nachdenken was dafür UND dagegen spricht!
also auch mal wieder die persönliche Falsifizierung

In diesem Sinne beste Grüße, Jemseneier

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Über jemseneier

Chiemgauer

Diskussionen

2 Gedanken zu “Der Rückschaufehler

  1. Ich meine, ist das nicht eigentlich grausam der Umwelt und dem anderen gegenüber,
    solches Wissen im Nachhinein vorzugaukeln?

    Ist es. In systematisierter Form lässt sich damit ja sogar Geld verdienen und man nennt es dann Astrologie oder Hellsehen.

    Eine schöne Ergänzung zur Denkfehler-Sammlung im Ratioblog.

    Verfasst von celsus | September 13, 2012, 4:26 am
  2. Ja so was aber auch, ich hab‘ es ja gewußt, irgendwie so was schreibst Du ja wieder.
    Es hat nicht sollen sein…

    Verfasst von Andreas Gradert | September 13, 2012, 9:47 am

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