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Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Survivorship-Bias


Liebe Leute, auf Grund diverser Facebook-Diskussionen will ich noch einmal ein sehr wichtiges Basic zu Statistik- und Wahrnehmungsverzerrungen (Engl. „Bias„) anfügen:
den „Survivorship-Bias“.

Der Fehler beruht daher, dass man ein Ergebnis nur aus der Summe einzelner „Überlebender“ zieht, ohne sich den Rest der Statistik anzusehen, z. B. also
– die Zahl der“Gesamtteilnehmer“.
– oder welchen Stellenwert der Zufall dabei gehabt hat,
– oder ob  Zusammenhänge einfach anderer Natur waren.

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Der Überlebende eines Schiffsunglückes oder einer Fugzeugkatastrophe muss gar nicht viel beigetragen haben. Er hatte schlicht das Quentchen mehr Glück als die Anderen.
Der Survivorship-Bias sucht aber genau diese Einzelfälle heraus!
Statistische Ausreisser, die die Wahrnehmung verzerren.
Überlebende, die man anhört, weil die Anderen (die Toten, die Verlierer…) nicht mehr interessieren, längst vergessen sind…
Leute, die sich dann etwas zusammenreimen, weil sie oft die Zufälligkeit von Ereignissen nicht ertragen.
Müßte ja alles irgendwie einen Sinn gehabt haben… Und dann kommt man zu falschen Ergebnissen.

Hypothetisch Helmut Schmidt zum Beispiel, 97 Jahre alt, Kettenraucher.
Ein Überlebender mit dem Attribut *Raucht wie ein Schlot*.
Wer sich solche Einzelfälle ansieht könnte meinen, Rauchen wäre gesund.
Und die vielen Anderen, die gerade wegen Lungenkrebs keine 97 geworden sind, werden unter der Erde still in ihrer Kiste liegen und vor sich hinsafteln – fast lautlos…

Auf Wikipedia steht noch ein weiteres Beispiel für den Survivorship-Bias.
Demnach geht der Ausdruck auf die rückkehrenden Flieger der englischen Flotte im 2. Weltkrieg zurück.
Die Ingenieure sahen sich diese Flugzeuge an, und begannen dort besser zu panzern, wo die meisten Einschusslöcher sichtbar waren.
Man hätte sich auch denken können, daß aber genau an diesen Stellen der geringste Schaden angerichtet wurde, denn sonst wären ja diese Flieger nicht mehr heimgekommen.

Gibt den „Survivorship-Bias“ auch noch übertragen auf die Business-Welt:
demnach werden erfolgreiche Unternehmer gefragt, mit welchen Ideen sie „es geschafft“ haben. Unabhängig davon, dass vielleicht viele andere eben genau an dieser Stelle mit ähnlicher Strategie gescheitert sind. Statistisch gesehen sagt das also auch wieder nicht viel aus, sind erst mal nur Anekdoten.
Und Anekdoten sind keine Daten, sagen die Wissenschaftler: Induktiven Erkenntnisgewinn gibt es nicht.

 

Die schlimmsten Fälle von „Survivorship-Bias“ gibt es wohl in der Medizin:

Aderlass  ! Der wurde mindestens 2500 Jahre verwendet, als Allheilmittel für fast alle schweren Krankheiten!
Als man im 19. Jahrhundert anfing, den Aderlass methodisch zu überprüfen stellte sich heraus, dass bei den meisten Krankheiten die Überlebensraten dadurch eher noch geringer wurden.
Den Leuten war 2,5 Jahrtausende (!) nicht klar, dass Menschen in vielen Fällen an dem Aderlass gestorben sind! Gab ja immer einige Wenige die überlebt haben und als Gewährsmänner der Ideologie dienen konnten.

Mumienpulver (pulverisierte äqyptische Mumien) wurde ca.  750 Jahre lang in der Medizin eingesetzt. Die Idee dahinter waren vielleicht auch gewisse Konservierungs-Analogien? Was Mumien in Form hält, würde vielleicht auch bei Lebenden funktionieren?
Jedenfalls, auch Mumienpulver half im Grunde nichts, außer psychologisch als besonders starkes Placebo:
Durch die Überwindung des Ekels hat man eventuell gemeint, alles wirklich Erdenkliche gemacht zu haben, um wieder gesund zu werden – und ist dabei sogar zum Kannibalen geworden…
Und solche Ideen erhalten sich ein dreiviertel Jahrtausend lang durch diesen Survivorship-Bias:
Die, die trotz Mumienpulver überlebt haben, werden das hervorheben, weil  ihnen das die meiste Überwindung gekostet hat. (Hang zur Sebstbestätigung=Confirmation-Bias)

Ursprung für viele Survivorship-Bias sind  oft auch sog. „Spontanremissionen“:
sehr seltene spontane Rückbildung von Tumoren in der Krebstherapie. Gründe dazu sind in der Regel schwer herauszudefinieren, eventuell langfristig durch vergleichende Studien.
Mit anderen Worten: Ärzte und Patienten wissen in diesen Fällen nicht, woran die Gesundung lag, warum man Glück hatte und zum „Survivor“ geworden ist.
Verständlich ist, dass in solchen Fällen  jede Menge Vermutungen getätigt werden. Bestseller dazu mit jeder Menge Unsinn überschwemmen den Buchmarkt. Als Beispiel sei hier Clemens Kuby erwähnt.
Der spirituelle Coaching-Zirkus hat sich das zu eigen gemacht, alles wäre demnach heilbar, eine Sache der Einstellung. Stimmt aber eben nicht!
Eine Metastudie aus dem Jahre 2002 (british Medical Journal 325, 2002, 1066-1076) hat sich die Fälle von Spontanremissionen angesehen und kommt zu dem Ergebnis, dass bei Krebs keine persönl. Einstellungen wirken: es ist sehr egal, ob der Patient ein wenig depressiv war, sich in „Positiv-Denken“ „geübt hat“, stoisch oder fatalistisch war (Skeptiker, 1/03, Jürgen Windeler: „Positiv denken gegen Krebs?“).
Einige Survivors werden nun dazu missbraucht den ganzen anderen Kranken zu ihrem Leiden auch noch die Schuld an der Krankheit aufzubürden. Sie wären nicht positiv genug, hätten sich nur nicht ausreichend angestrengt… Inhumaner Bullshit durch Survivorship-Bias.

 

mir hat´s aber geholfen

oder „dem hat´s geholfen“ … hört man sehr oft  von Verwandten und von Freunden .

Die Wahrheit ist, dass man in seltenen Fällen wirklich sagen kann, was nun geholfen hat!
Schon allein deshalb, weil man einzeln ist! Allein kann man nie sagen, ob´s anders besser, schneller oder schlechter gegangen wäre, wenn man etwas anders gemacht hätte!
Im Prinzip kann das nur (verallgemeinernd) eine verläßliche Statistik leisten!
Nur die Statistik wird nie die gleiche Wärme ausstrahlen, wie der Rat eines Freundes, die Warnung eines Bekannten oder den Tipp einer Vertrauensperson. Das ist das Dilemma!
Auch wenn´s die meisten sogenannten „Alternativen“ mit ihren falschen Ratschlägen gut meinen, macht es die Sache nicht besser! – Im Gegenteil, oft sind sie  definitiv gefährlich, was man heute in der Presse am Tod eines 4-Jährigen Kindes exemplarisch nachlesen kann
Alternativheiler werden  immer anekdotisch ein paar Leute haben, die TROTZ ihrer Anwendungen gesund geworden sind. Die sie dazu ermutigen, da weiter zu machen, wo sie sind…
Das ist, was  der  Survivorship-Bias in uns auslößt. Kritische Bildung hilft, solche Denkfehler zu überwinden.

 

 

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Chiemgauer

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