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Freiburger Erklärung zur Homöopathie


Vor ein paar Wochen gab es ein Treffen unter Homöopathiekritikern, darunter so bekannte Namen wie Norbert Aust und Natalie Grams. Ich war auch dazu eingeladen, hatte leider keine Zeit.
Entstanden ist nun daraus ein Info-Netzwerk,  die „Freiburger Erklärung“ und eine anhängende Petition.
Für mich ist das ein neuer Schritt, um mehr Rationalität und Ehrlichkeit in die Behandlung von Hilfesuchenden zu bringen.

globuli

Homöopathie ist überhaupt nur durch psychologische Effekte interessant, und deshalb ist es so schwer wie überall in der Esoterik, sich von solchen Denkmustern zu trennen.
Mit Homöopathie scheint der Verbraucher seine Gesundheit selbst in der Hand zu haben. Und dies ohne viel Anstrengung (im Gegensatz zum Sport zum Beispiel).
Ein gefährlicher Trugschluss, der in Traunstein beinahe zur Gründung einer esoterischen Pseudo-Uni zur Behandlung von Krebs-Patienten geführt hätte.

Beim letzten Salzburg/Freilassinger Skeptiker-Stammtisch gab es dazu einen  guten Vergleich, den Strassenverkehr:
Viele Leute haben z.B. Angst vor Flugzeugen, oder neuerdings vor Zügen. die Zahl getöteter Passagiere im deutschen Bahnverkehr war  in den vorhergehenden Jahren unter 10 pro Jahr. Etwa Ein Tausendstel im Vergleich zum Strassenverkehr. Von ein paar wenigen natürlich sehr tragischen Ereingnissen läßt man sich in der Wahrnehmung täuschen.

Viel lieber fährt man also Auto, sogar auch mal gerne ohne Führerschein… Man fühl sich so weniger der Maschinerie ausgeliefert. Man hat den Eindruck, so mehr Kontrolle zu haben.  Wer je in einem Unfall mit verwickelt war, weiß dass die Sicherheit trügerisch ist. Die Statistik sagt: Mit Abstand ist das Auto das gefährlichere Personentransportmittel.

Ähnliche Erfahrungen gibt es vermehrt in der Pseudoheilkunde, wie der Homöopathie:
Der Trugschluss, seine Gesundheit selbst in der Hand zu haben, gegenüber der bösen „Gesundheits-Maschine“, bewirkt dass Menschen in der Vergangenheit vermehrt auf „sanfte“ Pseudotherapien vertraut haben.
Die Gefahr, dass Leute statt nachgewiesener Wirksamkeit aus einem emotionalen Gefühl heraus auf Unsinn wie die Homöopathie vertrauen, besteht.
Homöopathie ist unbrauchbar und kann tödlich sein, wenn dadurch sinnvolle Therapien sein gelassen werden. Genau dieses Verhalten wurde aber sogar schon von bei Hahnemann selbst (dem Gründer der Homöopathie) gefordert.
Wenn wir nicht wollen, dass sich diese Ideologie weiter in unser Gesundheitssystem frisst und einen sinnlosen Anteil an sowieso knappen Krankenkassen begehrt, müssen wir endlich dagegen halten. Die Freiburger Erklärung ist ein guter Auftakt dazu:

Wortlaut:

Homöopathie ist weder Naturheilkunde noch Medizin

Trotz der Förderung durch die Politik und des Schweigens derer, die es besser wissen müssten, ist und bleibt die Homöopathie ein Verfahren, das im klaren Widerspruch zu gesicherten wissenschaftlichen Grundlagen steht. Die Mitglieder und Förderer des „Informationsnetzwerks Homöopathie“ sehen in der Homöopathie eine sich hartnäckig haltende Glaubenslehre, die weder als Naturheilkunde noch als Medizin anzusehen ist. Im Netzwerk haben sich Ärzte, Apotheker, Tierärzte, Biologen, Naturwissenschaftler und andere engagierte Kritiker der Homöopathie zusammengefunden, die das Ziel vereint, diese oft verschleierte Tatsache deutlicher ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken.

Kein Sonderstatus für Homöopathie

In den über 200 Jahren ihrer Existenz hat es die Homöopathie nicht geschafft, ihre spezifische Wirksamkeit nach objektiven Kriterien zu belegen. Sie überlebt vielmehr nur, weil ihr im deutschen Gesundheitssystem ein Sonderstatus zukommt, der ihr nach Ansicht der Experten des Netzwerks nicht zusteht. Während Medikamente ihre Wirksamkeit nach objektiven Kriterien nachweisen müssen, ist die Homöopathie davon befreit. Gegen ein solches Zweiklassensystem in der Medizin wehren wir uns.

Die Homöopathie hat es auch nicht geschafft, einen plausiblen Wirkmechanismus darzulegen. Stattdessen erwecken ihre Vertreter den Eindruck, es gäbe noch Unsicherheiten, die zu klären wären. Dem widersprechen wir vehement. Die Homöopathie ist keine unkonventionelle Methode, die weiterer wissenschaftlicher Prüfung bedarf. Ihr Fundament besteht aus längst widerlegten Thesen wie der „Ähnlichkeitsregel“, der „Lebenskraft“ oder des „Potenzierens durch Verdünnen“.

Selbsttäuschung von Patient und Therapeut

Wir möchten therapeutische Wirkungen, die im Rahmen einer homöopathischen Behandlung zustande kommen können, nicht in Abrede stellen. Diese haben allerdings nichts mit dem spezifisch verabreichten Homöopathikum zu tun. Vielmehr beruht die vermutete und vermeintlich erfahrene Wirksamkeit homöopathischer Präparate auf Suggestion und Autosuggestion der Patienten und Therapeuten. Die Mechanismen solcher (Selbst-)Täuschungen sind vielfältig, aber bestens bekannt und erforscht. Durch Kontexteffekte hervorgerufene Verbesserungen des Befindens können und dürfen nicht kausal dem Homöopathikum zugeschrieben werden. Wir gehen davon aus, dass viele homöopathisch arbeitende Mediziner und Heilpraktiker sich der Existenz und Vielfalt solcher Mechanismen nicht bewusst sind und in bester Absicht handeln. Das ändert jedoch nichts daran, dass die Schlüsse, die sie ziehen, falsch sind und daher schädlich sein können.

Medizin und Wissenschaft

Keineswegs behaupten wir, dass die von uns vertretene wissenschaftliche Methode derzeit alles erforschen und erklären kann. Sie versetzt uns aber in die Lage zu erklären, dass die Homöopathie sich selbst nicht erklären kann. Und sie ist der beste Weg, den wir zur Verfügung haben, wirksame Behandlungen von unwirksamen zu unterscheiden. Ein in der Bevölkerung fest verankerter Glaube an Heilsversprechen, welcher von interessierter Seite, Politik und Journalismus weiter genährt wird, kann niemals Richtschnur für das Handeln in der Medizin sein.

Ziel dieser Erklärung

Ziele unserer Kritik sind nicht der heilsuchende Patient und der einzelne homöopathisch arbeitende Therapeut, sondern die aufgebaute Lehre und die Institutionen des Gesundheitswesens, welche die Widersinnigkeit der Homöopathie längst erkennen könnten, aber dennoch nicht einschreiten. Wir fordern die Akteure des wissenschaftlich begründeten Gesundheitswesens auf, sich endlich von der Homöopathie und anderen pseudomedizinischen Verfahren abzuwenden und zurückzukehren zu dem, was selbstverständlich sein sollte: Wissenschaftlich validierte, faire und allgemein nachvollziehbare Regeln für eine hochwertige Medizin, ausgerichtet am Wohlergehen der Patienten.

                                                                                 

                                                                                                          Freiburg im Februar 2016

Verfasser:

Dr.-Ing. Norbert Aust, Initiator Informationsnetzwerk Homöopathie

Dr. med. Natalie Grams, Leiterin Informationsnetzwerk Homöopathie

Amardeo Sarma, GWUP Vorsitzender und Fellow von CSI (Committee for Skeptical Inquiry)

Unterzeichner:

Edzard Ernst, Emeritus Professor, Universität Exeter, UK

Prof. Dr. Rudolf Happle, Verfasser der Marburger Erklärung zur Homöopathie

Prof. Dr. Wolfgang Hell, Vorsitzender des Wissenschaftsrates der GWUP

Prof. Norbert Schmacke, Institut für Public Health und Pflegeforschung, Universität Bremen

Dr. rer. nat. Christian Weymayr, freier Medizinjournalist

 

Die Petition kann hier unterschrieben werden

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