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Einfach nur Regional, Regionalgeschichte

Die Pestsäule von Reifing


Sie ist wieder da.
Etwa 10 Jahre lang war die „Pestsäule“ im Bauhof der Gemeinde Grassau eingelagert.
Zu dieser Zeit entschieden wir uns,  unser altes Bauernhaus („Binderhaus“ ca. 1830) abzureißen.
Die Säule sollte nicht durch die Bauarbeiten beschädigt werden.
Der örtliche Steinmetz hat den Stein nach unten verlängert, jetzt stimmen nicht mehr ganz die  Proportionen von früher.
Wenigstens ist die Säule nun so aber etwas größer als der Schaltschrank vom örtlichen Energieversorger, der nicht weit davon entfernt steht.
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RICOH IMAGING

Pestsäule zu Reifing

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Die Steinskulptur wurde wahrscheinlich im Jahre 1636 erstellt,
… und es ranken sich einige Sagen um die Säule.

Aufgeschrieben hat diese Sagen  Anna Kroher im Jahre 1917, in ihrem Buch: „Im Bannkreis der großen Ache„.

1636, das war die Zeit des 30-jährigen Krieges: ein gewalttätige Zeit, in der die Bevölkerung zurückging, nicht nur wegen des langen Krieges, sondern auch durch wiederkehrende Seuchen wie die Pest.

Zugleich war das auch der Krieg der Religionen: Katholen gegen Evangolen. Eine Phase voller paranoider Bigotterie und Endzeiterwartungen. Die Endzeitstimmung wurde auch wieder hervorgerufen durch die Kriege und Seuchen selbst – ein sich verstärkender Mechanismus.
Zusätzlich gingen auch die Ernten in Deutschland durch die sog. „Kleine Eiszeit“ zurück. Die Schuld wurde traditionell bei den Juden gesucht.
Ausserdem war es die Hochzeit der Hexenverfolgung in Mitteleuropa.
Kein Zeitalter, das man sich ernsthaft zurück wünscht.
Auf Wikipedia findet man noch zum Thema „Pestsäule“ allgemein, dass sie Ausdruck der Gegenreformation waren und eigentlich der Habsburger-Monarchie zuzurechnen sind. Man kann das also durchaus als religiöses Statement gegenüber Andersdenkenden verstehen.
Tatsächlich war die Umgebung früher Grenzland nach Österreich.
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„Der Hüter des Schatzes“

Die Sagen, die Anna-Kroher 1917 speziell zu dieser Pestsäule aufgeschrieben hatte, erzählen noch Weiteres, was durchaus in diesem Kontext stehen könnte:
Demnach soll unter der Säule ein Goldschatz vergraben sein, der von einem schwarzen Männlein bewacht wird. Zur Geisterstunde tauchte das Gespenst unter dem Fuss der Säule auf, um Schlag Ein Uhr wieder unter dem Rasen zu verschwinden. Leute hätten demnach früher schon einmal versucht, den Schatz auszugraben, sind aber von dem Geist überrascht worden und haben dann das Weite gesucht.
(Ob mit dem schwarzen Männlein, das den Goldschatz bewacht, im reformatorischen Kontext auch ein katholischer Pfarrer gemeint sein konnte, wäre immerhin möglich…?)
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Tod beim Passionsspiel?

Die andere Geschichte von Anna Kroher ist die, dass es eben eigentlich gar keine Pestsäule war, sondern ihren Ursprung in einem Passionsspiel hatte:
Eines, in dem die Akteure die Story offenbar viel zu ernst nahmen. Was dazu führte, dass der Hauptdarsteller dann tatsächlich am Kreuz verstarb.
Als Andenken und Mahnmal wäre sie dann aufgestellt worden.
Keiner weiß, ob diese Geschichte stimmt, das ist eben so überliefert.
Es kann auch nur sein, dass die Erzählung vom Passionsspiel eine kritische Anmerkung gewesen war: an die damalige Zeit, als Religion so ernst genommen wurde, dass sich Leute wegen ihrer Konfession umbrachten, oder sich im Endzeitwahn selbst Leid zufügten.
Heute ist das gelegentlich wieder der Fall…
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Mahnmal?

Ein Beispiel für die Folgen von religiösen Fundamentalismus direkt vor meiner Haustüre? Bei mir als Religions- und Esoterikkritiker am Ort, das hat schon was…
Es kann eben auch als Mahnmal für unsere Zeit verstanden werden, in der Leute wieder vermehrt ihr Heil in brutaler Spiritualität suchen. In der sich Leute in der Mitte Europas auf Grund ihrer irrationalen religiösen Vorstellungen in die Luft sprengen.
Aber auch als Warnung an esoterische Leute, die aus einem mittelalterlich anmutenden Verständnis von Schuld, Sühne, Reinigung, und der Sehnsucht nach Mystik ihre Angehörigen malträtieren. Gelegentlich auch bis zum Tod.
Genau darüber berichtet mein Blog.
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Chiemgauer

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Die Pestsäule von Reifing

  1. Danke für diesen Artikel. Ich habe eine liebe Verwandte in Grassau. Und deine Haltung bezüglich Religionen und Esoterik teile ich…

    Verfasst von freiedenkerin | Mai 1, 2016, 12:11 pm

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