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Buchtipp

Die Unheilpraktiker


In Prien hatten wir vor ca. 8 Wochen die „Heilpraktiker-Tage“. Der Ratgebernewsblog hat darüber geschrieben. Insgesamt ist man ja dort ein bisschen unglücklich mit dem Bild des Heilpraktikers in der Gesellschaft, und da wollte man was ein bisschen gerade rücken. Oder man wollte, was wahrscheinlicher wäre, einfach ein bisschen Werbung machen…

Fast gleichzeitig kam aber ein Buch auf den Markt, was nun diese Heilpraktiker-Branche genauer unter die Lupe nimmt, frei von Eigenwerbung, Waldorf-Einlullen und Marketingbehauptungen. Das Buch heißt  „die Unheilpraktiker„, und wurde von Anousch Mueller geschrieben.

Unheilpraktiker von Anousch Mueller

Unheilpraktiker von Anousch Mueller

„Unheilpraktiker“ ist kein reines Sachbuch, sondern auch ein Erlebnisbericht. Frau Mueller erzählt, wie sie sich durch ihre eigene Krankengeschichte, durch erste Kontakte mit Heilpraktikern, und durch dem Wunsch nach einer beruflichen Veränderung an einer Heilpraktikerschule anmeldete. Die Absicht: Sich selbst zu heilen, um anschließend anderen zu helfen. Und das was sie dann Abstruses dabei erlebt hat, als sie sich dann im Detail damit beschäftigte…

Anousch Mueller entschied sich aus fast typischen Beweggründen, Heilpraktiker werden zu wollen: Den Wunsch nach beruflichen Wechsel, den Wunsch sich selbst und anderen zu helfen.
Gleichzeitig  sind aber offensichtlich  auch gerade  die geringen Hürden anziehend: Es reicht ein Hauptschulabschluss und Kenntnisse in Anatomie, um Heilpraktiker zu werden. „Heilpraktiker“ ist auch kein Ausbildungsberuf, sondern er  besteht im Prinzip nur aus einem Multiple-Choice-Test und einem Gespräch im Gesundheitsamt.  Über das soll herausgefunden werden, ob für den eventuellen Kunden später Gefahr für Leib uns Seele besteht. Dann gibt´s die behördliche Erlaubnis zur „Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung“. Mehr nicht. Keine Fragen zur Ausbildung!

Sogenannte „Heilpraktikerschulen“ helfen, das notwendige Wissen über Anatomie zu vermitteln,  um es anschließend durch die geschulten Esoterik-Anwendungen wieder ad-absurdum zu führen. Dieses ganze Brimborium, was über die Anatomie hinaus geht, interessiert  das Gesundheitsamt überhaupt gar nicht! Wie gefährlich aber diese Ausbildung sein kann, erfährt Anousch Mueller noch während den Unterrichtsstunden:  Mitschülerinnen kommen durch ihre Lehrer nachhaltig zu gesundheitlichen Schäden.

Mir ist äußerst viel in dem Buch von Anousch Mueller bekannt vorgekommen, schließlich habe ich mich  selbst gut 15 Jahre lang in dieser Parallel-Gesellschaft bewegt, und gelegentlich wird man dann durch Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen wieder eingeholt. Heilpraktiker sind ja hier im Chiemgau omnipräsent.
Letztes persönliches Beispiel war ein Bekannter, der, als er seine Krebskrankheit öffentlich machte, sofort von Naturheilern mit schlimmen Thesen angesprungen wurde. Es ist schwierig, da dann dazwischen zu gehen…
Das Milieu dieser Heilpraktikanten und -Fans besteht aus simplen  Ideen über Gesundheit, Verschwörungstheorien (Pharma, Umwelt…), Analogiebetrachtungen und  Impfparanoia.

Lifestyle, Religion und unsere Region (mein Kommentar)

Der Gang zum Heilpraktiker oder Heiler ist längst zu einem Lifestyle geworden. Teilweise darüber hinaus: Zur Religion. Hab da schon drüber geschrieben. Die Nähe von der sogenannten alternativen Medizin zu Sekten dürfte auch hinlänglich belegt sein.  Realität spielt keine Rolle mehr, Kunden werden durch Paranoia und übersinnlichen Hokuspokus abhängig gemacht. Dies erkennt man oft ganz gut an dem Dschihad, den manche Anwender ausrufen, wenn man die Mittel und Methoden kritisiert. „Polemisierend“ heißt das dann… (absurd, weil die wissenschaftliche Betrachtungsweise in keinem Fall polemisierend sein kann, weil sie eben im Gegensatz zu diesen Heilpraktikern nicht vom Einzelfall ausgeht).
Wer sich hier mal diese Heilpraxen im Detail ansieht, der sieht auch ganz deutlich die Nähe zu den einschlägigen Licharbeiter-Sekten, ganz  besonders z.B. dann, wenn man sich regelmäßig irgendwelche Channeling-Tanten in die Praxis einlädt. Aktuelles Beispiel hier aus der Gemeinde Grassau  : direkt vom Tourismusbüro beworben ist ein „Freundeskreis Heilen“, mit einem Vortrag über die „Akasha-Cronik„, dem gechannelten rassistischen Standardwerk des Sektenguru-Prototyps Rudolf Steiner. Da wird nebenbei auch wieder unsere esoterisch- braune Vergangenheit  wach.

Anwendungen

Anousch Mueller schafft einen Überblick über die aktuellen  Behandlungsmethoden von Heilpraktikern: Angefangen von der Homöopathie, hin zu anthroposophischer „Medizin“, weiter zu Reiki und Geistheilung. Sie beschreibt seltsame Orakelmethoden (Kinesiologie, Bioresonanz), und Ausleitungstechniken auf allen Kanälen (Oral, rektal, Aderlass…)
Ihr Fazit: Die Anwendungen entsprechen im wesentlichen einer „Schulmedizin“, wie sie vor 200 Jahren praktiziert wurde. Sehr zum Leidwesen der Patienten! Die Genesung war dazumal  reine Glückssache, was aber die Ärzte von damals nicht abhielt, sich die Überlebenden ans Revers zu heften.

Ähnliches auf gleichem Niveau passiert heute bei diesen Pseudomedizinern, ohne dass sich dabei irgendwas ändert! Das liegt daran, dass der Kitt dieser Leute nicht die Wissenschaft und die Evidenz ist. Sie lernen nicht aus nachweisbaren Fehlern, sondern sehen sich eher in einer borniert-spirituellen „Heiler“-Tradition: Der Glaube an die Heilkunst, die innere Eingebung, geistartige Kräfte wie im Voodoo. Deshalb wohl auch die diversen Orakel-Techniken, wie Kinesiologie, Bioresonanz, Pendeln etc.

Der Unterschied: Die moderne Medizin verbessert sich ständig, während diese Unheilpraktiker eigentlich immer noch in den Ideen der 2,5 Tausend Jahre alten 4-Säfte-Lehre und irgendwelchen ebenso alten fernöstlichen „Energiebahnen“ gefangen sind. Kein Wunder, dass es in dem Milieu immer noch Leute gibt, die die Existenz von Viren und Bakterien anzweifeln
Den Unterschied zwischen Heilpraktikern und esoterischen, aber studierten Medizinern macht Frau Mueller in dem Buch übrigens gar nicht. Es ist nämlich egal, wer den Nonsens anwendet und verbreitet: Die Pseudoanwendung bleibt Pseudoanwendung.

Erfundene Krankheiten, erfundene Diagnosen , erfundene Therapien…

Anousch Mueller sagt etwas, um was sich auch viele skeptische Autoren bis jetzt herum winden, obwohl es natürlich Basis für diverse Befunde sein dürfte: Sie  spricht eben auch von Hypochondrie, in der neuen Form der „Cyberchondrie“. Das neue Medium bewirkt, dass potentielle Krankheiten nur noch einen Mausklick vom „User“ entfernt sind. Welche Gefahren Heilpraktiker für Hypochonder darstellen, erklärt sie am eigenen Beispiel.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Krankheiten, die erfunden sind. Ausserdem bezweifelt niemand, dass heute jedes Wehwehchen einen eigenen Namen bekommt, um es zu therapieren.
Besonders  diverse Lebensmittelunverträglichkeiten sind heute in Mode: Sie eignen sich für Smalltalk unter Freundinnen und gelten als eine Art „Statussymbol“: „Schließlich bringen sie einen moral- und gesundheitsfördernden Verzicht mit sich“ (Seite 56). Diese Unverträglichkeiten (obwohl sie gelegentlich vorkommen) haben sich längst zum Lifestyle entwickelt. Heilpraktiker werfen gerne der „Industrie“ vor, Leute krank zu machen, und sind trotzdem die ersten, die solche Unverträglichkeiten diagnostizieren. Sie „Leben praktisch von Überdiagnostik und erfundenen Krankheiten“

Zur Krankheitenerfindung steht dem Heilpraktiker eine Fülle an Orakeltechniken (er selbst würde sie wohl als Diagnosetechniken bezeichnen) zur Verfügung: Beispiele sind die Kinesiologie oder die Bioresonanz. Gerade die Bioresonanz ist ein Tool zum Aufspüren von nicht existierenden Allergien. Frau Mueller erzählt von ihrer Bioresonanz-Diagnose, nach der sie auf  über 30 Substanzen allergisch sein sollte. Als kritischer Geist ließ sie das nach anfänglichen Schock bei einem normalen Allergologen gegenchecken – mit dem Ergebnis dass nichts davon wahr war! Derartige Geschichten habe ich auch schon viele Male im Bekanntenkreis gehört. „Laut Heilpraktiker  konnte der Arzt natürlich nichts finden, denn die meisten Allergene würden unterhalb der klinisch testbaren Grenze ihr Unwesen treiben“ (Seite 60)
Ein weiterer Punkt ist, das Heilpraktiker etwa eine Hand voll Ursachen im Hinterkopf haben, die immer, wenn sie erwähnt werden, Grund für eine Erkrankung wären. Darunter fallen Amalgam, Impfen und Elektrosmog.

Unnötig, noch mal darauf hinzuweisen, dass zu den eingebildeten Krankheiten, die mit eingebildeten Diagnosemethoden gefunden wurden, noch die eingebildete Behandlung dazu kommt: also z.B. die Pseudomittel aus der Homöopathie, oder der anthroposophischen Medizin.

Heilpraktikerwesen reformierbar?

In einem Punkt möchte ich Anousch Mueller nicht zustimmen: Sie glaubt, dass das Heilpraktikerunwesen reformierbar wäre! Ich glaube das nicht!
Wir haben studierte Ärzte, und deshalb brauchen wir keine Hauptschul-Heilpraktiker. Wer sich berufen fühlt, sollte sich lieber einem Medizin-Studium hingeben. Für wen das auf Grund seiner schulischen Vorbildung nicht möglich ist, für den gibt’s die Möglichkeit einer Ausbildung als Krankenschwester, Hebamme, Pfleger, Diätberaterin, MTA etc..
Aber jemand mit ein paar Esoterik-Kursen auf „Patienten“ los zu lassen_ ist ein krasses Unding, dass es in dieser Form nur in Deutschland gibt.
Ich kann mir höchstens vorstellen, dass die Heilpraktiker-Prüfung im Bereich des Coachings sinnvoll wäre: Bei Leuten, die Medizinbereiche nur streifen, aber nicht wirklich anwenden.

Fazit: Ein rundum gelungenes Buch, das die Umstände dieser Parallelgesellschaft auslotet, wissenschaftlich bewertet und die Geschichte und Hintergründe dazu umfassend erklärt.  Meine Empfehlung.

 

zum weiterlesen:

Die Welt: http://www.welt.de/print/wams/wissen/article154910567/Die-Republik-der-Heiler.html

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Über jemseneier

Chiemgauer

Diskussionen

2 Gedanken zu “Die Unheilpraktiker

  1. Gerade was dieses Gewerbe betrifft, sind klare Worte bitter nötig! Danke!

    Verfasst von Ulli | Juni 15, 2016, 5:04 pm
  2. Wir haben studierte Ärzte, und deshalb brauchen wir keine Hauptschul-Heilpraktiker.

    Dazu zwei Gedanken:
    Das Medizinstudium befähigt leider nicht unbedingt dazu, danach ein*e gute*r Ärzt*in zu sein.Es wird so viel auswendig gelernt, bspw. im Bereich der Anatomie, was aber oftmals kein zusammenhängendes Wissen vermittelt. Dennoch würde ich selbstverständlich jeder*m Mediziner*in wesentlich lieber anvertrauen als sogenannten Heilpraktiker*innen. Die Ausbildung könnte aber möglicherweise noch verbessert werden
    Der Medizin-, allen voran der Klinikbetrieb, sind über die Jahre derartig bürokratisch geworden, dass m.E. Ärzt*innen zu wenig Zeit für Patient*innen haben. Abrechnungsmodelle des vermeintlich ökonomisierten Sektors legen den Einsatz bspw. eines CTs – das Gerät muss sich ja refinanzieren – eher nahe als ein ausführliches Anamnesegespräch, über das sich in vielen Fällen mehr erfahren liese und dann auch gezielter behandeln. Zugleich haben Patient*innen den Eindruck nur von einer Röhre in die nächste geschoben zu werden und nie das Gefühl, dass ihre Krankengeschichte angehört wird. Das verleiht Scharlatanen, die bestenfalls nur zuhören, oftmals aber dann üblerweise auch noch das Diagnostizieren beginnen, freilich implizit Auftrieb.

    Die Dualität privat- und kassenversichert sagt obendrein ja auch ganz offen aus: Nicht Jede*r bekommt die qualitativ mögliche medizinische Versorgung. Ein einziges Loblied auf die Gesundheitsversorgung, bei der in der Bundesrepublik ja tatsächlich auch ganz Viele die Hand aufhalten und abkassieren, kann also auch nicht gesungen werden.

    Verfasst von Ein Name wird benötigt. | Juli 1, 2016, 9:30 pm

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