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braucht koa Mensch!, Regionalgeschichte

Die Geschichte der Impfgegner – Bayern und (Süd-)Tirol


Die Italiener führen mit dem nächsten Schuljahr wieder die Impfpflicht ein.
Nachdem Impfungen annähernd unschädlich sind, halte ich das durchaus für eine gute Sache. Eigentlich finde ich es auch einfach nur praktisch, so wie die Schluckimpfung früher in der Schule: Der Staat kümmert sich drum, und es kann nicht einfach vergessen werden.

Impf-südtirol

Mein Vater hatte als Kind in den Vierzigern Diphterie, mein Bruder in den Siebzigern Gehirnhautentzündung. Beide haben nur knapp überlebt, und daher finde ich so manche aufgeblasene selbstverliebte Diskussion von heute ziemlich dämlich. Sie rühren daher, dass die meisten dieser Krankheiten durch den Erfolg der Impfungen aus unserem Umfeld und unserem Bewusstsein verschwunden sind.

Der letzte große Impf-Erfolg in Bayern, die komplette Ausrottung einer Seuche ist übrigens erst ein paar Jahre her! Viele können sich vielleicht noch an die Schilder in unserer Gegend erinnern, die mittlerweile alle entfernt wurden: „Vorsicht Tollwut-gefährdeter Bezirk“. Tatsächlich ist die Fuchs-Tollwut auch durch eine Art „Zwangsimpfung“ besiegt wurden: Köder mit Impfstoff, der über Jahre in den Wäldern ausgelegt wurde. Es wird wahrscheinlich die esoterische Subkultur verwundern, aber das passierte ganz ohne Homöopathie! Die Tiere waren allesamt nicht beim Heilpraktiker, keiner dieser Füchse hat einen Yoga-Kurs besucht. Auch von einer spirituellen Aufwertung durch Gott, Feng-Shui-Berater oder Wellnesstrainern ist nichts bekannt. Nein, es war ganz alleine die Impfung, die uns das Problem vom Hals schaffte. Wodurch unsere Kinder heute wieder ein wenig sorgenfreier durch die Wälder gehen können.

Italien führt die Impfpflicht ein, und in Südtirol sind Leute dagegen: 130 Familien haben angekündigt, in diesem Fall Asyl in Österreich zu beantragen, wo es die Pflicht zur Schutzimpfung noch nicht gibt. (Vielleicht sollte irgendwer diesen 130 Familien erklären, dass sie in der EU leben, und sowieso ungehindert nach Österreich ziehen dürfen, wenn sie wollen. Aber das ist jetzt gar nicht das Thema)

Die Geschichte wiederholt sich

Eine ganz ähnliche Situation wie heute in Südtirol hatten wir schon vor 200 Jahren. Die Tiroler gehörten damals durch den Einfluss von Napoleon zu Bayern. Und schon damals gab es eine Impfdiskussion! Die Kontrahenten waren fast die Gleichen wie heute. Dazu muss ich ein wenig ausholen:

Am 26. August 1807 wurde in Bayern als erstes Land überhaupt die Pflicht zur Pockenschutzimpfung eingeführt. Diese Impfung wurde 1796 von Edward Jenner erfunden. Dem ist damals aufgefallen, dass sich Leute, die sich durch den Kontakt mit Rindern an  sehr ungefährlichen Kuhpocken angesteckt hatten, später nicht mehr an den echten Pocken erkranken konnten. Also begann er, Kinder mit Kuhpocken zu infizieren. Die Methode war um ein vielfaches derber als moderne Impfungen, aber es funktionierte.
Dazu muss man wissen, dass Pocken damals eine überall verbreitete Volkskrankheit war, und dass man wenig Chancen hatte, irgendwann im Laufe seines Lebens nicht an Pocken zu erkranken. In etwa einem Drittel der Fälle waren die normalen Pocken tödlich. In vielen Fällen führten die Pocken zum Erblinden. Die, die das überlebt haben waren ihr Leben lang mit vernarbten Körpern und Gesichtern gezeichnet. (In den Gemälden dieser Zeit wurden die Narben natürlich tuschiert, aber vielleicht findet sich ja einmal ein Grafiker, der eine Charge Mozartkugerln mit dessen realistisch nachbearbeiteten Narbengesicht ausstattet, um an solche Sachen zu erinnern…)

Zurück zu Südtirol: Irgendwie werden dort die Italiener ja immer noch als Besatzer empfunden, gegen die man sich wehren muss. Ähnlich war es damals mit Bayern und ganz Tirol. Im Januar 1806 mußten die Habsburger die Grafschaft Tirol an das mit Napoleon verbündete Bayern abgeben. Die Gebietsänderungen und die Nähe zu den Franzosen löste in Folge in Bayern und somit auch in Tirol eine ganze Welle an Reformen aus. Binnen weniger Jahre wurden die Religionsfreiheit, die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, die Trennung von Rechtsprechung und Verwaltung, sowie das Recht auf freie politische Meinungsäußerung gesetzlich verankert.

Trotzdem (und natürlich verständlicher Weise) blieb Bayern für Tirol eine Besatzungsmacht. Besonders der Klerus in Tirol formierte sich: Die Säkularisation, die in Bayern gerade statt fand, würde seinen Machtapparat empfindlich beschneiden. Wenn man aber Stimmung gegen etwas machen will, dann sucht man sich Themen, wo Menschen verunsichert sind: Damals zum Beispiel die neue Impfung gegen Pocken.

Natürlich gab es eine Abneigung, seinen Nachwuchs absichtlich mit ungefährlichen Kuhpocken zu infizieren. Da kommen dann Urängste und Instinkte zum Tragen, auch wenn es rationell betrachtet die absolut beste Lösung war, um die eigenen Kinder zu schützen. Wenn in so einem emotionalen Dilemma dann aber jemand behauptet, diese Bayern, (oder heute die Italiener, die Pharma etc.) wollen uns nur vergiften, hat man automatisch ein riesen Zuspruch! Ganz besonders, wenn es dann auch noch die spirituelle Ebene tangiert. Ist ja bei Anthroposophen heute die ganz ähnliche Geschichte.

In Tirol war der Klerus auch nicht alleine mit der Impfkritik: Die bayerischen Reformen beinhalteten damals auch, dass unqualifizierte Heiler und Kurpfuscher in Tirol nach und nach durch ärztlich ausgebildetes Personal ersetzt werden sollten. „Bader und Prediger warnten ihre Landsleute vehement vor der Schutzimpfung, unter anderem mit der Behauptung, den Tirolern solle damit heimlich der Protestantismus eingeflößt werden“ (Chiemgaublätter, 10.10.2015, Nr. 41, Seite3). Übrigens Behauptungen, die nicht absurder sind als das, was man heute so in der sog. „germanischen neuen Medizin“ lesen kann.

Irgendwie sind die Kontrahenten von damals immer noch fast die gleichen wie heute: Schlecht ausgebildete Leute aus einem „alternativmedizinischen“ Spektrum, die versuchen mit einer Mischung an Verschwörungstheorien, Spiritualität und dem Aktivieren diffuser Ängste Profit zu schlagen. 200 Jahre nach der Pocken-Impfpflicht in Tirol haben wir heute wieder die gleiche Situation wie damals. Schon ein bisschen grotesk.

In den folgenden Jahrzehnten führte fast ganz Europa eine Impfpflicht ein. Die Seuche wurde weiter zurückgedrängt. Trotzdem gab es immer wieder Impfgegner und deren Auswirkungen: Im schweizerischen Zürich z.B. gab es bis 1883 ein Gesetz zur verpflichtenden Impfung. 1882 war kein einziger Fall mehr von Pocken zu vermelden. Impfgegner benutzten diese Zahlen um die Notwendigkeit dieses Gesetzes in Frage zu stellen. Die Impfpflicht wurde dort 1883 wieder abgeschafft. Schon im selben Jahr gibt es wieder Pockentote. Im ersten Quartal 1886 waren wieder 8,5% der Todesfälle durch Pocken verursacht. (Quelle: Die Wissenschaftslüge von Ben Goldacre, Seite 343)

Mit der steigenden Zahl an Pocken- Impfungen weltweit ging auch die Zahl der Todesfälle zurück. 1967 wurde die Pockenimpfung durch die WHO weltweit zur Pflicht. 1970 gab es die letzte Epidemie in Deutschland mit 20 infizierten Personen. Seit 1980 gelten die Pocken offiziell als ausgestorben und existieren nur noch in 2 Labors weltweit. Der Wunsch vieler Ärzte und Wissenschaftler wäre, dass dies auch mit anderen Krankheiten so funktioniert. Leider verhindert dies derzeit eine wachsende Anzahl von Seuchenfans, was ich sehr traurig finde. Allein die Zahl an Maserntoten wächst in Europa wieder kontinuierlich, was wir wie vor 200 Jahren der Lobby der modernen Bader und Kurpfuscher zu verdanken haben.

 

 

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Diskussionen

Ein Gedanke zu “Die Geschichte der Impfgegner – Bayern und (Süd-)Tirol

  1. (Süd)tiroler Impfgegner zitieren ja gerne einen bayrischen Impfgegner – also noch eine Gemeinsamkeit:

    Hier ein Zitat von ihm:

    Dr.med. G. Buchwald (1920-2009):

    „In der Dritten Welt ist sicher vieles anders als bei uns; Kultur, Zivilisation und Wohlstand. Wahrscheinlich sind nicht nur die dortigen Länder in ihrer Gesamtheit unterentwickelt, möglicherweise sind dies auch die Nervensysteme der Neugeborenen und der Kleinkinder. Vielleicht liegt es daran, dass Impfungen so komplikationslos vertragen werden, wie von Herrn Ehrengut geschildert. Vorsichtig möchte ich jedoch erinnern, dass die Nebenwirkungen meist erst nach vielen Jahren an das Tageslicht kommen. Trotz zunächst noch bestehender kindlicher Unreife der Gehirne unserer Kinder, scheinen diese im Gegensatz zu den Gehirnen der Kinder der Dritten Welt doch <> zu sein, um auf Impfungen entsprechend zu reagieren.“

    Quelle: Gerhard Buchwald „Gedanken zu Publikationen eines Impfgegners“ Naturheilpraxis 1989; 5: 5-10

    Verfasst von Wolfgang | Juni 12, 2017, 9:13 am

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