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Uncategorized, Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Fußball, kritisches Denken und scheißen für den Sieg!


Fußball, was hat das nun wieder mit kritischem Denken und Skeptizismus zu tun?
Sehr, sehr, sehr (sehr!), sehr viel!
Es gibt tatsächlich ein paar Sachen, die beim Sport wie selbstverständlich funktionieren, wo wir sonst gesellschaftlich weit davon entfernt sind.
Und außerdem ist der Fußball auch deshalb ganz spannend, weil psychologische Faktoren so viel sichtbarer werden, als sonst wo…

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All-focus

Was total gut funktioniert:

Ich liebe den Sportjournalismus!
Seltsamer Weise nehmen nämlich Redaktionen den Sportjournalismus viel ernster als andere Berichterstattungen! Niemand käme auf die Idee, einen Reporter zu einem Fußballspiel zu schicken, der nicht mal ansatzweise die Regeln dazu kennt! Bei medizinischen und naturwissenschaftlichen Themen hingegen passiert das ständig: Da “informieren” dann Leute, die offensichtlich weder von Medizin noch von naturwissenschaftlichen Denken eine Ahnung haben. Beispiele dazu hier aus der Gegend von Josef Bruckmoser* von den Salzburger Nachrichten, oder Frau Christine Haberlander** für den BR.
Aber es wird noch besser: Wenn nun irgendein Fussballkommentar inhaltlich daneben wäre, dann würde das der Redaktion auffallen! Bei medizinischen Themen wird das eher durchgewunken. Die Redaktion ist beim Fußball in der Lage, den Inhalt nachzuvollziehen, fast wie in einem kleinen Peer-Review!
Und es kommt nochmal noch besser: Sogar die Leute, die das dann lesen, sind kompetent genug, den Fußball-Journalisten zu entlarven, wenn er nur Mist erzählt! Mündige aufgeklärte Bürger! Wäre doch toll, wenn wir das beispielsweise in der Politik auch hätten!? Fake-News würden auffallen, sie wären sofort enttarnt!

So sollte das eigentlich überall sein: Inhalte von Fachleuten geschrieben, und von Redaktionen geprüft. Auf der anderen Seite ein vorgebildetes Publikum, das Unsinn von Wahrheit unterscheiden kann!
Verdammt! Warum funktioniert das nur beim Sportjournalismus!
Noch andere Dinge funktionieren dort! Beispielsweise das Abwenden von Fehlinterpretationen aus einem Wunschdenken heraus. Der Wissenschaftler bezeichnet diesen Denkfehler als “Confirmation Bias
Das ist zum Beispiel der Fall, wenn (wie passiert) Südkorea ein Tor gegen Deutschland schießt, und die Möglichkeit zu einem Abseits besteht. Dann entsteht Folgendes: Ganz Südkorea (bis auf wenige Ausnahmen) ist der Meinung, das Tor wäre ein Tor. Ganz Deutschland hingegen (bis auf ein paar Wenige) meint, es wäre Abseits gewesen, das Tor dürfe nicht gelten – rein aus dem jeweiligen Wunschdenken heraus (Ähnliches gab es auch bei diversen Fouls und Handspielen…).
Zu einer Lösung würde es nicht kommen, hätte man nicht VORHER einen Modus entwickelt, um solche Sachen aufzulösen. Beim Fußball ist das der unparteiische Schiedsrichter, die Linienrichter und schlussendlich jetzt der Videobeweis. In der Wissenschaft und Medizin gibt es solche Regeln auch, durch entsprechendes Studiendesign, statistischer Auswertung, Messeinrichtungen, Testverfahren. Nur leider sind viele Menschen außerhalb des Fußballs zu blöd, um Informationen entsprechend auszuwerten, bzw. auswerten zu lassen. Oder man kommt auf die Idee, NACHHER die Regeln ändern zu wollen. Doof…

Psychologische Effekte…

Offenbar gibt es so etwas wie einen persönlichen Willen, auf einer falschen Meinung zu bestehen, wenn sie hoch emotionalisiert und mit gewissen Verlust-Gefahren verbunden ist. Nirgendwo ist das so direkt sichtbar wie unter Fußballfans, wenn plötzlich ganze Nationen etwas Anderes gesehen haben wollen. Nirgendwo anders wird es den Leuten aber auch so schnell bewusst, dass sie parteiisch sind, und deshalb daneben liegen könnten! In anderen Gebieten, zum Beispiel bei Fake-Medizin wie der Homöopathie, gibt es diese Einsicht selten. Da würden die Leute noch nach dem 10. Videobeweiß behaupten: “Ich hab’s doch gesehen!”.
Skeptiker (wie ich manchmal…) sind da anders: Wir glauben, jeder sollte in der Lage sein, seine Meinung mit dem selbst erarbeiteten Repertoire an Analysemethoden zu bilden, unter Berücksichtigung seiner eigenen Subjektivität. Und wenn das nicht der Fall ist, ist es ganz einfach angebracht, keine konkrete Meinung zu haben.

Religion? Warum nicht…

Fußball ist die Verheißung von Harmonie in der Gruppe. So ein bisschen Feindbild gibt´s da auch, aber viel spielerischer und sozialverträglicher wie sonst nirgendwo im Leben. Außerdem stehen gemeinsame Ziele im Vordergrund, das Gruppenerlebnis mit Tanz und Gesängen, der gemeinsame Rausch und die gemeinsame Extase. Manche Leute würden sagen, hier wird der Fußball zur “Ersatzreligion”. Im Prinzip ist das richtig, aber ich würde mal den “Ersatz” streichen! Es IST eine Religion, mit festen Ritualen, mit Gottesdiensten, mit Gemeinschaft, mit Spiritualität.
Und es ist nebenbei eine sehr gute Religion, denn im Grunde ist sie verdammt friedlich! Sie eint Menschen, sie ist offen für Jeden, vergleichsweise günstig, macht vom Prinzip her keine Unterschiede bei Hautfarbe und Herkunft, auch wenn rechtsextreme Parteien wie die AfD da gerne eine Keil hineintreiben wollten. Sie werden es nicht schaffen, denn beim Fußball zählt eben ganz simpel das Können und nicht die dumpfe Ideologie.

Das große Orakeln

Auch ein lustiges Kapitel: Die Idee, dass der Erfolg bzw. die Vorhersage des Erfolges mit irgend welchen Dingen zusammen hängen, die nichts mit Fußball zu tun haben. Wer kennt sie nicht, diese fast typische Aussage bei jedem Spiel in größerer Gesellschaft: “ Immer, wenn ich auf dem Klo bin, dann schießt XY ein Tor!”. Und dann diese fast selbstaufopfernde Hingabe, dann eben zwangsweise öfter mal zu müssen!…
Die Idee, dass der Erfolg einer Mannschaft nicht an den Spielern hängt, sondern am Stuhlgang einzelner tausende Kilometer entfernter Fans, scheint weit verbreitet.
Und dann gibt es noch die Sache mit den Orakel-Tieren: Dass irgendwelche Viecher mit ihrem Verhalten eine Gewinnvorhersage erzeugen könnten. Antenne Bayern hat die Kuh Klara Fladen als Tore setzen lassen…
Die ganze Sache basiert auf einem abergläubischen Verhalten, nachdem -wie Esoteriker behaupten- Alles mit Allem verbunden wäre. Auch der miefige Pullover des Trainers (2010), oder die Vorstellung sich nicht rasieren zu dürfen, bis die Sache beendet ist.
Aufgelöst hat dieses Phänomen eigentlich schon Skinner in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, in seinen Taubenexperimenten. Im Prinzip ist es die Fehlinterpretation, dass zufällige Ereignisse als kausal angenommen werden. Diese Fehlleistung, die wir in mannigfaltiger Weise aus der Esoterik kennen, wird wunderbar (real-)satirisch im Fußball entlarvt. Auch die Kuh Klara hat total verschissen.
Eigentlich sind aber diese tierischen Wahrsager nur eine unbedeutende Randerscheinung.
Viel mehr tritt aber ein “Orakeln” zu Tage, das wirklich wissenschaftlich ist, und mit dem sich sonst privat Wenige beschäftigen. Wahrscheinlich, weil es außerhalb des Fußballs manchmal etwas trocken erscheint: Die Statistik!
Plötzlich sind Leute, denen man so etwas nie zugetraut hätte, in der Lage, für sich hochkomplizierte Zusammenhänge auszuwerten! Tore pro Saison, pro Spieler, gelbe und roten Karten, Verletzungen, Torvorbereitungen, vergebene und erfolgreiche Elfmeter, Spielanteile, die Daten aus den Heimmannschaften… und das blitzschnelle Umrechnen von Tabellen, auch wo mehrere Partien parallel um den Einzug ins Achtelfinale spielen. Das sind beachtliche Leistungen, teilweise schon bei Kindern! , Toll, was der Fußball alles kann! :-)
Vielleicht wäre das Ganze auch ein Ansatz für Schulen, kritisches Denken Leuten ein wenig näher zu bringen. Die Anlage dazu haben offensichtlich viel mehr als wir glauben, man müßte nur einen Weg finden, es ihnen näher zu bringen ;-)
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* Zu Josef Bruckmoser verweise ich auf diverse Artikel zu Homöopathie, Akupunktur, Geistheiler, Wünschelrutengänger etc., wo Herr Bruckmoser ohne Faktencheck Interviewpartner seine zu kurz geworfenen vermeintlich kritischen Einwürfe entkräften lässt.
Mit der Methode schaft er exakt das Gegenteil, was er vorgibt. Keine kritische Berichterstattung, sondern simple Stichwortgabe für Pseudomedizin.
** Zu Frau Haberlander will ich explizit auf eine Reportage vom letzten Jahr hinweisen, wo “Tierheilpraktikerinnen” Milchkühe behandeln. Ein klein wenig Vorbildung wäre nicht schlecht gewesen, um herauszufinden, dass Homöopathie Unsinn ist, dass selbst unter Homöopathen Konstitutionsmittel Unsinn sind, weil sie der ganzen Lehre widersprechen. Es hätte auffallen müssen, dass diese womöglich selbstgemalenen Schaubilder mit Kuheigenschaften vollkommen absurd sind. Es hätte auch auffallen müssen, dass “Tierheilpraktiker” keinerlei anerkannte Ausbildung bedeutet, dass die vor dem Gesetz richtiger Weise Laien sind, und dass dann das Behandeln von Kühen, da wo eigentlich der Tierarzt geboten ist, massiv gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Schlimm ist dann außerdem auch, dass vor Veröffentlichung beim BR offensichtlich auch jede Kontrolle versagt hat.

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Chiemgauer

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