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aus anderen Blogs, Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Artenschutz ja – aber nicht mit Fake-News


Heute habe ich einen Gastkommentar vom Landschaftsarchitekten Stefan Rudolf zum Thema Volksbegehren, Artenschutz und Bienenrettung.

Der Text wurde leicht gekürzt, liegt im Ganzen zusätzlich als PDF vor.

„Experimente zeigen, daß wir unsere Anforderungen an Beweise verändern, je nachdem wie sehr eine Schlussfolgerung erwünscht ist oder eben nicht.(1) Selbst Wissenschaftler unterliegen beim Durchführen von Studien diesem „confirmation bias“, auch „belief perserverance“ genannt. Wir alle sind so. Sich dagegen zu wehren kann man aber lernen, wie man etwa Taekwondo oder Klavierspielen lernt. Einfacher ist es aber, nur „Fakten“ zu sehen, die einen bestätigen. Oder sie zu „erstellen“. Das ist besonders verführerisch, wenn man sich auf der moralisch überlegenen Seite weiß. Wenn man jedoch wichtige und richtige Ziele (wie Klima oder Artenschutz) oder dämliche (wie den Brexit oder eine Grenzmauer) mit Falschbehauptungen und Dramatisierungen verfolgt, öffnet man den Leugnern die Flanke. Deswegen muß auch bei ehrenhaften Vorhaben das Prinzip der Factfulness gelten.

Zunehmend ist – neben dem Artensterben – jedoch ein Trend zu be-obachten, seine eigene Meinung freizustellen von der Übung, sie anhand fundierter Quellen zu bilden und zu überprüfen. Wie einst die Engländer in Cooper’s „Der letzte Mohikaner“ verschanzt man sich hinter den Pali-saden von Fort Munro vor den sich herangrabenden Franzosen. Die Pali-saden sind die altbewährten Denkmuster. Die Franzosen die Andersdenkenden.

Das Prinzip der „belief perserverance“ macht da keinen Unterschied zwischen geschlossenen Weltbildern von Ausländerhassern und Tierfreunden, Klimaleugnern und Gentechnikgegnern. „Besorgte Deutsche“ genannt oder Ex-Handballer, die sich beschweren, man dürfe in diesem Land seine Meinung nicht mehr sagen, sagen damit im Prinzip, verwechseln Meinungsfreiheit mit der Garantie auf null Widerspruch. Seit rechte Bewegungen in immer neuen Variationen „getürkte“(2) Nachrichten über Muslime und andere Flüchtlinge verbreiten (nicht ohne stets darauf hinzuweisen, daß man selbst der David und Goliath Teil einer weltweiten jüdischen Verschwörung sei), seit uns Johnson, Trump und Höcke mit alternativen Fakten über Latinos, EU und Soros beglücken, vermeldet die Kultur der Meinungskreativität immer neue Landgewinne. Wissenschaftler und solche, die kleiderlosen Kaisern unter den Rock schauen, haben da einen schweren Stand. In Zeiten, in denen sich die Wirk-lichkeit zunehmend in hoher Ambiguität präsentiert, nimmt offensichtlich die Ambiguitätstoleranz unseres Verstandes umgekehrt proportional ab. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, daß geschlossene Weltbilder – besonders esoterische – immer mehr zunehmen.

Nicht nur in Amerika mehren sich Bewegungen, die wahlweise eine flache oder hohle Erde behaupten und alle wissenschaftliche Evidenz dagegen als Verschwörung abtun. Nicht nur in den USA gibt es wachsende Bestrebungen, die Schöpfung in Biologie (sic!) neben der Evolutionstheorie zu unterrichten. Klar: Die Evolutionstheorie oder die Relativitätstheorie sind ja auch nur Theorien, wie der Name sagt. Nur daß in der Wissenschaft mit dem Term „Theorie“ etwas völlig anderes gemeint ist, als mit dem Alltagsgebrauch: Nämlich das Bestgeprüfte, was wir haben.


Parallel dazu nimmt aber die Bereitschaft, sich in etwas thematisch hineinzubeißen, bevor man andere beißt, ab. Franziska Schreiber, eine bewunderns-werte und gedanklich sehr rege AfD-Dissidentin, machte neulich erst wieder diese Erfahrung mit einer Reihe in Würden ergrauter SPDler in Wolfratshausen. Es war erfrischend, wie Franziska dort die AfD-Strukturen sezierte und Schwachstellen sowie zeitgemäße Strategien aufzeichnete, wiederholt deutlich warnend vor dem geschlossenen Weltbild der AfD-Anhänger. Und es war schmerzlich, mitzuerleben, wie sie in der Flößerei auf ebensolche geschlos-sene Weltbilder traf und man ihr immer wieder – väterlich lächelnd – „mans-plainte“, daß Ursachen und Gegenmittel unter keinen Umständen andere sein könnten, als man sie vor 50 Jahren bereits gekannt habe.

In einigen Wochen werden die Europawahlen schon wieder vorbei gewesen sein. Aber man merkt nichts davon, daß irgendjemand schon begonnen hat, sich für Europa zu erheben, sich den nationalistischen Bewegungen entgegenzustellen, wie Martin Schulz erst neulich in Gilching bemängelte. Den Kampf mit den Nachbarn erspart uns Europa seit 70 Jahren. Den Kampf um diese PAX EUROPEANA jedoch müssen wir ständig und unentwegt führen.

Und daher retten wir zunächst einmal die Bienen… Nein, nein!

Ich bestreite nicht das Insektensterben! Im Gegenteil: Arten- und Biotopschutz sind seit 30 Jahren wesentlicher Bestandteil meiner Berufsaus-übung. Es ließ sich nicht ganz vermeiden, sich in diesem Zeitraum einige Fach- und Sachkenntnisse zu erwerben. Einige Male hatte ich Konflikte mit Auftraggebern, die mich veranlassen wollten, Ergebnisse zu beschönigen. Ich tat dies nie. Ich will Artenschutz, ich bin für wirksame Maßnahmen und Refor-men, die den Struktur- und Artenreichtum unserer Landschaften fördern. Aber ich will Ziele nicht mit Falschbehauptungen erreichen. Und genau dies ist beim Volksbegehren „Rettet die Bienen“ der Fall. Ich finde das empörend Dort steht:

„Begründung zum Antrag auf Zulassung des Volksbegehrens Artenvielfalt & Naturschönheit in Bayern „Rettet die Bienen!“ Gegenwärtig wird in Bayern ein dramatischer Artenverlust verschiedenster Gruppen von Tieren und Pflanzen festgestellt. Gerade der drastische Rückgang der Artenvielfalt bei den Insekten, insbesondere den Bienen und Schmetterlingen, den Amphibien, den Reptilien, den Fischen, den Vögeln und den Wildkräutern ist durch einschlägige Untersuchungen eindeutig nachgewiesen. Ursächlich hierfür sind der übermäßige Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden sowie die strukturelle Verarmung der Landschaft“

Der Prospekt zum Begehren:

  • 54 % aller Bienen ausgestorben
  • 73% aller Tagfalter verschwunden
  • Über 75 % aller Fluginsekten nicht mehr da
  • Nur noch halb so viele Vögel wie vor 30 Jahren Quellen werden weder genannt noch auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Ohne einen Rückgang an Arten(3) zu bestreiten, führe ich hier Kritikpunkte ge-genüber der Desinformation des Volksbegehrens und an der Krefelder Studie an.

Oft beschränkt sich der „wissenschaftliche Beleg“ für das „größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier“ auf die Beobachtung, dass früher mehr Insekten an den Windschutzscheiben von Autos geklebt hätten(4). Persönliche Erfahrung ist aber keine Evidenz. Da müssen wir erwachsen werden. So weist der Umweltwissenschaftler Josef Settele darauf hin, daß dies auf die verbesserte Aerodynamik der Autos zurück zu führen sei, und der Entomologe John Acorn spricht von einem „Mem“, dessen erste Verwendung er ins Jahr 1997 zurückverfolgen konnte.(5) Entomologen sind sich weitgehend einig, daß das Insektensterben real ist. Fragt man jedoch bei Unterzeichnern des Volksbegehrens nach wissenschaftlicher Evidenz, wird stets allein auf die sogenannte „Krefelder Studie“ verwiesen(6). Diese ist in der Tat fast das Einzige, was wir da zur Verfügung haben. Wer sie im Original lesen möchte, findet sie hier:(7) Verfasst hat den Text Caspar A. Hallmann unter Beihilfe von Michael Sorg und 10 weiteren Autoren.

Aber wer hat die Studie überhaupt gelesen? Und: Werden die oben zu Lesenden – und in der Presse sowie von den Naturschutzbünden lautstark ausgehängten – Behauptungen von dieser Studie überhaupt angeführt oder nahegelegt? Leider nein.
– Es wurden nur fliegende Arten untersucht.(8)
– Es wurden keine Arten bestimmt, sondern das Feuchtgewicht der Fänge.(9)
– An keiner der genannten 63 Entnahmestellen wurden über die behaupteten 27 Jahre kontinuierlich Daten erhoben.
– Es ist methodisch nicht korrekt, aus den erhobenen Daten Prozentwerte zu ermitteln.
– Es ist methodisch nicht korrekt, unter diesen Umständen Daten aus Einzel-proben zu „poolen“. Die Studie kann nicht nachweisen, daß sie untersucht, was sie am, Ende behauptet. Ich würde eine Diplomarbeit mit solchen methodischen Fehlern dem betreffenden Studenten um die Ohren hauen. Um Aussagen darüber machen zu können, wie sich eine Variable (Anzahl der Insekten) über eine Zeitspanne verändert hat, benötigt man longitudinale Daten. Hier wären dies
– Messungen zu unterschiedlichen und regelmäßig wiederkehrenden Zeitpunkten an denselben Orten.

Das bietet die Krefelder Studie aber nicht. Und sie sagt das auch: „Our data do not represent longitudinal records at single sites, suitable to derive loca-tion specific trends“. Die Daten wurden von 1989 bis 2016 an zwischen 1 und 23 Orten pro Jahr gesammelt. Im Durchschnitt an 3,5 Orten. Das ist nicht gerade viel. Dabei sind gut 1.500 Proben zusammengekommen, 56 pro Jahr, 16 pro Ort. Dass im in den 27 Jahren magere 16 Stichproben pro Ort zusammengekommen sind, zeigt, dass die Entnahmen in der Regel gar nicht an denselben Or-ten durchgeführt wurden. Die Autoren haben vielmehr 27 Jahre lang Daten an verschiedenen Orten gesammelt, von denen nicht ermittelt wurde, ob sie in irgendeiner Weise repräsentativ sind. Ich möchte dabei außer Acht lassen, daß die Studie von einem Verein kommt, nicht von einer Uni oder einem Fach-Institut. Mir kommt es auf die Belastbarkeit einer Aussage an und nicht darauf, wer sie macht. 57 Orte, an denen Daten gesammelt wurden, befinden sich in Nordrhein-West-falen, 1 in Rheinland-Pfalz und 5 in Brandenburg. Ob Informationen, die an 57 Orten in Nordrhein-Westfalen gewonnen wurden, auf Bayern oder Hessen übertragbar sind, ob ein einziger Ort in Rheinland-Pfalz Aussagen für ganz Rheinland-Pfalz ermöglicht, ist eine Frage, die man leider mit nein beantworten muß, wenn man Wissenschaft und Landschaftsökologie mit Redlichkeit betreibt. Tatsächlich stellt die Studie nicht einmal für alle Orte einen Rückgang von In-sekten fest, sondern nur für einige.

Hier muß man noch einmal bedenken, was gemessen wurde: Das Feuchtge-wicht der gefangenen Fluginsekten. Wir haben früher wenigstens Feucht- und später Trockengewicht verglichen und nach Möglichkeit wenigstens Käfer, Hautflügler etc. separiert, wenn schon nicht Arten bestimmt. Wenn man nur das Feuchtgewicht des Pauschalfangs ermittelt, fallen schwere Käferarten um ein Vielfaches stärker ins Gewicht, als leichte Hautflügler. Wenn da eine Kä-ferpopulation schwankt, hat man gleich einen größeren „Artenschwund“, als wenn 10 Hautflüglerarten aussterben.

Es wurden keine Äcker beprobt, wo ja in der Regel Pestizide ausgebracht werden, keine Straßenränder oder Ackerrandstreifen, keine Weiden oder Vorstadtquartiere etc. Nur Naturschutzgebiete. Ja zum Kuckuck, was sollen Vertreter der „Monsanto-Mafia“ dazu sagen? Daß das Insektensterben nur in geschützten Gebieten festgestellt wurde? Daß ja Glyphosat und Neonikotinoide nur auf Äckern aber gar nicht auf Grünland oder in Schutzgebieten ausgebracht werden, dort aber die Arten schwinden? Daß wir am besten die Naturschutzgebiete für Insekten sperren und noch mehr Glyphosat ausbringen?

Ein toller Dienst, der unserer Sache da erwiesen wurde! Um zu den Zahlen von 75% Insektenrückgang zu gelangen, haben die Autoren die Daten, die ihnen für die Jahre 2016 und 1989 zur Verfü-gung stehen, voneinander subtrahiert. Sie ha-ben also stillschweigend vorausgesetzt, das In-sektensterben sei ein linearer Prozess wäre, der sich auch linear beschreiben lässt. Dem ist aber nicht so! Populationsgrößen von Insekten zeigen zwischen einzelnen Jahren erhebliche Schwankungen

Hätte man das Insektensterben auf Grundlage der Daten der Jahre 2014 und 1989 derselben Studie berechnet, wäre das Insektensterben um 70% (sic!) geringer ausgefallen. Dann sprächen wir nicht über 75% der Insekten, die noch 1989 gezählt wurden, wären gestorben, sondern rund 22,8%. Entsprechend müssen die restlichen 53,2% zwischen den Jahren 2014 und 2016 gestorben sein, was einen exponentiellen und keinen linearen Verlauf voraussetzen würde, der in den Daten aber nicht auffindbar ist. Hier wurde getrickst, getäuscht und dramatisiert. Das ist umso ärgerlicher, als daß das Jahr 2014 die mit Abstand beste Daten-lage erbrachte: 23 Orte, an denen Proben zur Insekten-Population genommen wurden, und 348 Stichproben hätten zur Verfügung gestanden, um Aussagen über ein Insektensterben zu machen, das mit 22,8% immer noch ernst, allerdings deutlich geringer ausgefallen wäre.

Doch die Autoren haben sich mit den 7 Orten, an denen 2016 nur 62 Stichpro-ben gewonnen wurden, begnügt und erstellen damit ein Insektensterben von 75%. Man sieht, wie abhängig die Behauptungen, die auf Grundlage von Da-ten erhoben werden, zuweilen von den Absichten „bewegter Autoren“ sind. Ich gehe ganz naiv davon aus, daß die Urheber des Volksbegehrens Studien lesen, bevor sie daraus zitieren. Doch ebenso wie der BUND und NABU ver-breiten sie einen „wissenschaftlich gut belegten Schwund von 75 % aller Fluginsekten“ bzw. „Arten“ in Deutschland (bzw. Bayern) in den letzten 27 Jahren. Wenn sie die Studie gelesen haben, ist das gelogen, wenn sie die Studie nicht gelesen haben, ist es auch nicht besser.

Derartige Behauptungen sind durch die Daten der Krefelder Studie nicht gestützt. Die Daten zeigen einen Rückgang für einige Orte, an denen Daten ge-sammelt wurden. Und sie prüfte Gramm, nicht Arten. Zu diesem Schluß kommt auch das RWI Leibniz Institut in Essen.

Alle am Volksbegehren Beteiligten verweisen auf eine Arbeit mit angeblich 20 Studien, die der NABU zusammengestellt hat, die jedoch 20 nicht validierte Beobachtungen ohne jeden Quellenhinweis als Studien ausgibt. Geht man in die Quellenhinweise für „Studien“ beim BUND, landet man fast ausschließlich bei Zeitungsartikeln(10) und wiederum der Krefelder Studie. Andere existente Untersuchungen kommen zu Ergebnissen, daß sich die Populations-Zu- und Abnahmen periodisch verhalten und die Waage halten. Das zu glauben fällt mir nicht ganz leicht, da ich zu denen gehöre, die meinen seit Dekaden einen Schwund an Arten zu beobachten. Aber: Auch meine Wahrnehmung ist keine Evidenz.

Roel van Klink vom Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung hat 99 Stu-dien aus vorwiegend Europa und Nordamerika gesichtet. Das sind mehr Da-ten, als die Krefelder Studie bietet. Nirgends konnte er Bestandseinbrüche wie die aus der Krefelder Studie bestätigen. Van Klinks Auswertungen zeigen, daß einige Populationen abnehmen, andere jedoch wachsen, besonders jene von Süßwasser-Insekten.

Elisabeth Kühn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung konnte bei einer Studie über 37 Tagfalterarten über 14 Jahre einen Rückgang von 14 % fest-stellen. Die recht bekannte Rothamsted-Studie aus England konnte zwischen 1973 und 2002 nur in einem einzigen der untersuchten Testgebiete signifi-kante Rückgänge ermitteln.(11)(12) Laut Bundesamt für Naturschutz – auch eine Quelle – weisen von 7.800 der 33.000 Insektenarten bei uns, deren Populationsdynamik untersucht wurde, 42% einen negativen Trend auf. Ein negativer Trend heißt nicht, daß die Art verschwunden ist.

Das ist Besorgnis erregend genug. Aber es rechtfertigt nicht die Behauptungen des Volksbegehrens. Und „Rettet die Bienen“ zu rufen, ist da längst keine politisch erlaubte Zuspitzung mehr, sondern eine Frechheit. Bedroht sind unsere Wildbienenarten. Unter anderem auch gerade durch den Konkurrenz- und Verdrängungsdruck der Kulturbienen. Und denen geht es trotz Varroa Milbe gar nicht schlecht.(13)

Die „Krefelder Studie“ ist Auslöser einer nötigen Diskussion. Denn obwohl gerade Insekten als Bestäuber oder auch als Nahrung für größere Tiere eine hohe (auch ökonomische) Bedeutung haben, gibt es in Deutschland keine aussagekräftigen, langfristig orientierten Monitoring-Programme. Das ist ein Skandal. Ein Skandal ist aber auch, wenn man permanent so tut, als hätte man solche Daten und als hätte man sie auch für und in Bayern. Bei den Ursachen für das Insektensterben führen alle Verbände Pestizide und Glyphosat an und berufen sich dabei auf die Krefelder Studie. Doch die macht solche Aussagen gar nicht. Und die Autoren sagen das auch deutlich!14Die Krefelder Studie findet keinen Zusammenhang mit Klimawandel und auch keinen mit landwirtschaftlicher Bewirtschaftung und behauptet keinen Zusam-menhang zwischen dem Einsatz von Insektiziden und dem Artensterben. Kein Wunder: es wurden ja nur Naturschutzgebiete getestet. Und Glyphosat wird nicht einmal in der Liste der Verdächtigen genannt.Liest man die Studie, dann finden sich Zitate wie: „In light of previously driving mechanisms, our analysis render two of the prime suspects, i.e. landscape and climate change as unlikely explanatory factors for this major decline in aerial insect biomass …“ (15) Und: Agricultural intensification (e.g. pesticide usage …) that we could not incorporate in our analyses, may form a plausible cause … “ Das Volksbegehren aber ruft in seiner Begründung: “Weg von Neonicotinoi-den und weniger Bayer/Monsanto „Pflanzenschutz“!”. Dem Leser wird hiermit suggeriert, dass Monsanto Neonicotinoide herstellt. Das tun die aber gar nicht!

Das kann jeder im Internet über-prüfen. Auch bringt das Volks-begehren permanent Pestizide und Neonicotinoide oder Roundup durcheinander. Clothianidin und Imidacliprid o-der Thiamethoxam sind bereits seit 2008 verboten. Im Unterschied zu Kupfersulfat, welches ganz romantisch im Öko- und Demeter-Landbau ausgebracht werden darf, obwohl es eine 3.000fach höhere Toxizität aus-weist als z.B. Glyphosat, haben sich alle regulären Pestizide jedoch einer jahrelangen Prozedur an Testverfahren zu unterziehen, in denen ihre Umweltverträglichkeit geprüft wird. Man kann vermuten, daß das nicht reicht. Aber wenn man solchen Studien unterstellen will, daß sie falsche Ergebnisse liefern, muß man bessere Zahlen mit besse-ren Studien herbringen und nicht einfach Behauptungen aufstellen.(15) Es ist kein Weg, hier Daten zweckorientiert zu „modellieren“ und anders lautende Fachmeinungen mit Verschwörungen der Agrar- oder Pharmalobby abzuwehren. So etwas tut man einfach nicht. Meinungen können zutreffend oder unzutreffend sein. Eines aber sind sie stets: Von Person und Kulturkreis abhängig. Fakten können zutreffend oder unzutreffend sein(16). Eines aber sind sie immer: Sie können unabhängig von Person, Ort oder Kulturkreis erhoben, geprüft repliziert werden. Die Gravitation gilt, egal, ob man daran glaubt oder Physik für eine Meinung hält.

Wenn ich ein Biotop kartiere, müssen Kollegen unabhängig von mir zu vergleichbaren Ergebnissen kommen oder ich muß meine hinterfragen. Diese „Gesprächsgrundlage“ als Mindestkriterium ist den Diskussionen um das „Bienensterben“, um Glyphosat oder Gentechnik, ebenso wie um die Islamisierung des Abendlandes, Flüchtlinge, Wasseradern oder den Brexit abhandengekommen. Die Streitmuster ähneln sich. Es wird nicht mehr argumentiert: Behauptung (These) , Begründung (am besten deduktiv, nicht induktiv), Beleg (evtl. ein Beispiel)(17).

Laßt uns was tun! Nicht die Erde müssen wir retten. Die sitzt uns aus. Es geht um unsere Nachkommen. Und darum, ob wir bei Zähneputzen in die Spiegel schauen können. Und es wird langsam ernst. Ich glaube, daß wir Arten verlieren. Ich glaube, daß der derzeit zu beobachtende Klimawandel erschreckend rasch verläuft, bedrohlich ist und: anthropogen; auch wenn wir bis eine „kleine Eiszeit“ hatten(18) und davor eine Wärmeperiode während derer Grönland grün war und am Weihenstephaner Südhang Wein wuchs. Aber laßt uns dabei redlich bleiben!(19) Das hat die Sache verdient.

(Teil 2 wird sich damit befassen, welchen Beitrag dazu Landwirtschaft und grüne Gentechnik leisten könnten, wenn wir „factful“ agieren würden.)

Quellen:
1 Sebastian Herrmann, „Starrköpfe überzeugen“, Hamburg 2013
2 Sorry, liebe Türken, aber zu AfD und PEGIDA paßt das einfach!
3 Und dies nicht nur bei Insekten und am allerwenigsten bei den Bienen! 4 Oder am Motorradhelm…
5 John Acorn (2016): The windshield anecdote. American Entomologist 62 (4): 262–264.
6 Immerhin, denn die Autoren des Volksbegehrens antworten gar nicht.
7 https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809
8 https://www.vbio.de/themenspektrum/biodiversitaet/insektenschwund/die-krefelder-studie/
9 https://www.spektrum.de/wissen/es-gibt-wenig-daten-aber-das-insektensterben-ist-eindeutig-besorgnis-erregend/1548199
10 http://www.bund-rvso.de/insektensterben-quellen-studien-ursachen.html
11 Wenn ich an meine Kindheit und DDT und so denke, könnte ich mir vorstellen, daß nicht wenige Arten verschwunden sind, bevor Petry Kelly die Grünen erfand.
12 Bei einem Brexit würden diese automatisch nicht mehr zu uns gehören.
13 Dr. Gerhard Liebig, 2017 „Der Fehler steht hinter dem Kasten“
14 Man möchte rufen: „Schon wieder erwischt!“
15 https://chiemgaugemseneier.wordpress.com/2019/02/01/nein-zum-volksbegehren-fuer-bienen-und-artenschutz/?fbclid=I-wAR2GXC3QSxdRyAV_lsZqDChRKexcVM5j0_gQs_f8jVPktNfe3JpcnaQ1a2A http://www.bund-rvso.de/insektensterben-luege-kein-.html http://www.bund-rvso.de/insektensterben-quellen-studien-ursachen.html https://www.vbio.de/themenspektrum/biodiversitaet/insektenschwund/biodiversitaetsmonitoring/ https://www.vbio.de/themenspektrum/biodiversitaet/insektenschwund/die-krefelder-studie/ https://www.vbio.de/themenspektrum/biodiversitaet/insektenschwund/ https://www.nabu.de/news/2017/10/23291.html 16 Na gut – dann sind es keine Fakten mehr
17 Beispiele belegen nicht, sie veranschaulichen.
18 Anfang 15. Bis Mitte 19. Jhrdt.
19 Entgegen bereits dahingehend geäußerter Vermutungen bin ich von keiner Lobby finanziert.Schön wär’s , aber die rufen ein-fach nicht an… Immerhin ist dies eine beliebte wenn wohl auch der niederträchtigsten Unterstellungen, die man, bar jeden Sach-argumentes, gegen einen Dissidenten erheben: bestechlich zu sein“

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