//
you're reading...
Emanzipation, Uncategorized

Lob der Faulheit


Momentan haben wir ja gerade wieder so seltsame Diskussionen, seitdem sich die Politik mit dem Umbau des Hartz4-Systems wieder vermehrt für sozial benachteiligte Leute einsetzen will. Leute, die da nicht raus kommen werden, egal wie sehr sie sich anstrengen. Plötzlich hat der negativ besetzte Begriff der Faulheit eine seltsame Renaissance, Zeit um ein wenig Grundsätzliches dazu zu sagen, nämlich das: Der Mensch ist von Natur aus faul! Punkt! … wie eigentlich alle Lebewesen auch. Wir sind darauf programmiert mit möglichst wenig Energie möglichst viel für uns raus zu holen. Das kann man jetzt Faulheit nennen, oder in anderem Kontext „Effizienz“. Eigentlich ist ja gerade der Witz, dass wahrscheinlich die meisten Innovationen aus der Sehnsucht nach Faulheit entstehen, damit wir es später einmal einfacher haben. … was aber seltsamerweise die Komplexität der Welt keinen deut reduziert. Der Kühlschrank macht Fotos, damit wir uns nicht merken müssen was wir noch einkaufen müssen, falls wir überhaupt noch selbst einkaufen und uns das Zeug nicht von Siri oder Alexa liefern lassen. Das Smartphone liest uns Bücher vor, damit wir nicht selbst lesen müssen und navigiert uns durch die Welt, ohne dass wir viel darüber nachdenken müssen wo wir uns überhaupt befinden. Wir haben aber nicht den Eindruck dass die Welt dadurch „einfacher“ geworden wäre?… Wie angedeutet: Eigentlich sind wir ja bis in unser Denken hinein faul, und unsere Umgebung ermöglicht das. Statt Probleme intellektuell anzufassen, lösen wir unseren Alltag intuitiv, d.h. automatisiert, auf Schablonenbasis und mit minimalen intellektuellen Energieaufwand. Das ist oft in Ordnung, so sind wir eben angelegt. Wir würden schlicht nicht anders funktieren, denn ohne diese „Oberflächlichkeit“ könnten wir unseren Alltag nicht bewältigen. Wir bräuchten zu lange Zeit, und würden uns von primitiven Idioten abhängen lassen, die keinen tieferen Gedanken zusammen bekommen. Das kommt leider jetzt schon viel zu oft vor, den Populismus gibt es nicht nur in der Politik. Man muss wissen wann man in seinem Denken faul sein darf: Das Schlimme ist, dass uns die moderne Welt fast alles in kleinen einfachen dümmlichen Schlückchen einschenken kann, wir haben das „sich selbst kümmern“ verlernt: Statt dessen konsumieren wir Lösungen, die sich einfach anhören und unser Denken nicht strapazieren – ähnlich wie Smartphone-Navi, dass uns sogar den Pfad zum Bäcker um die Ecke abnimmt. Diese intellektuellen Abkürzungen sind z.B. Verschwörungstheorien und das weite Feld der Esoterik. Die Verschwörungstheorie verwandelt eine komplexe Welt in Gut und Böse und die Esoterik verkauft sich ja sogar als „höhere Weisheit“, bei intellektueller Minimalbelastung. Ein Volksbegehren in Bayern hat gerade wieder auf die Spitze getrieben und uns gezeigt wie wenig Ahnung wir haben, uns aber von wohlgeformten Instant-Meinungen einvernehmen lassen. Summ, summ… . Der Mensch hat leider wenig Kontrolle über seine eigene intellektuelle Faulheit. Nicht schlimm, das kann man lernen. Andere Menschen per se als faul zu bezeichnen, weil es gerade in den Kram passt, ist übrigens auch ein Art von intellektueller Faulheit, und die wiegt wie beschrieben viel schwerer als manuelle Faulheit: Manuelle Faulheit wird durch den Intellekt überwunden. Wer aber intellektuell faul ist, muss die dann im Gegenzug manuell überwinden… „Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Füßen“, pflegten meine Eltern zu sagen… Faulheit ist trotzdem etwas tolles, ohne sie würden wir gar nicht funktionieren! Muße und Innehalten ist mit das was das Leben ausmacht. Den Blick schweifen lassen, ohne schon dem nächsten Zwang zu spüren. Und ja, ich bin gerne auch mal faul, das bisschen Faulheit hat sich unsere Gesellschaft nämlich schwer erkämpft und deshalb dürfen wir gelegentlich einfach nur stolz auf unsere zwanglose Faulheit sein, und geniesen. …und da weiter machen: Eigentlich sollten viele ein Stückchen fauler sein. Bekanntlich läuft uns die Arbeit nicht davon, und wir werden eh bis 70 arbeiten müssen. Erwerbsarbeit ist sowieso total ungleich verteilt, und wenn die Vollarbeitszeit z.B. 30 Stunden wären, dann würde so etwas wie Kindererziehung auch viel paritätischer funktionieren. Im Umkehrschluss wären damit auch schon viele Ungleichheiten im Job aufgehoben, ganz ohne Quoten, ganz ohne neue Ungleichheiten… Die Frage mit der Faulheit ist immer nur, wann wir auf Kosten Anderer faul sind, obwohl wir vielleicht anders könnten? Zu Solidarität gehört deshalb auch das Prinzip des Forderns. Dass die Hartz4-Methoden bei Kranken, Alten, Behinderten und Kindern unsinnig sind ist aber auch klar, und schlicht eine Zumutung. Die Faulheit auf Kosten Anderer gibt es aber auch am anderen Ende des finanziellen Spektrums: Dort wo man sein Einkommen nicht mehr aus seiner Arbeitsleistung bezieht, sondern nur noch sein Geld arbeiten läßt und die erwirtschaftete Rendite hauptsächlich auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung und ihrer Lebensbedingungen geht. Diese Art von Faulheit finde ich in der Tat verwerflich. Das ist mit ein Grund für teure Lebenshaltungskosten und horrende Immobilienpreise. Gegen diese Faulheit sollten wir etwas tun, nicht gegen den Minimalstandard der Ärmsten in unserer Gesellschaft.

Über jemseneier

Chiemgauer

Diskussionen

10 Gedanken zu “Lob der Faulheit

  1. wenn jemand Tiere an die Wand seiner Höhle malt, tut er das aus Faulheit ?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Höhle_von_Lascaux

    Verfasst von Andreas Lichte | Februar 23, 2019, 9:28 am
    • Die Intention wird uns wohl verborgen bleiben. Ob das aus Muße, als Lehrmaterial oder als Beschwörungszauber werden wir wohl nie erfahren.

      Verfasst von jemseneier | Februar 23, 2019, 10:38 am
      • … sicher beantworten läßt sich die Frage nach dem Motiv für die Schaffung des Unesco-Weltkulturerbes wohl nicht.

        Unwahrscheinlich ist aber, dass es das „Prinzip des Forderns“ der „Hartz4-Methoden“ war.

        Wieso verteidigen so viele in unserer „Leistungsgesellschaft“ freiwillig die „Sklaverei“:

        „Slavery was never abolished, it was only extended to include all the colors.“

        Charles Bukowski in einem Brief an seinen Verleger John Martin, http://www.lettersofnote.com/2012/10/people-simply-empty-out.html

        Verfasst von Andreas Lichte | Februar 23, 2019, 11:06 am
      • Andreas, ich weiß nicht was du an meinem Post nicht verstanden hast.

        Verfasst von jemseneier | Februar 23, 2019, 12:19 pm
      • @ JEMSENEIER

        ich habe „nicht verstanden“, wie man so etwas schreiben kann, Zitat

        „Die Frage mit der Faulheit ist immer nur, wann wir auf Kosten Anderer faul sind, obwohl wir vielleicht anders könnten? Zu Solidarität gehört deshalb auch das Prinzip des Forderns.“

        Sklaverei gehr gar nicht, siehe oben, Charles Bukowski.

        Ausserdem sind Menschen nicht angeboren „faul“, wie ich mit dem Hinweis auf „Kunst“ – im weitesten Sinne – deutlich machen wollte: es kommt auf die FREIWILLIGKEIT der Handlung an …

        Verfasst von Andreas Lichte | Februar 23, 2019, 11:48 am
      • Doch. Dem Tier (jedem…) ist die Idee von Effizienz angeboren, im Prinzip ist Effizienz und Faulheit zwei Seiten der gleichen Medaille. Das ist aber nicht schlimm. Im Gegenteil, es ist richtig dass wir faul sind, im Sinne von effizient. Eben nur nicht auf Kosten anderer. Jetzt hab ich mich mich eh so kurz ausgedrückt…

        Verfasst von jemseneier | Februar 23, 2019, 12:57 pm
      • … „faul auf Kosten anderer“: auf etwas ähnliches habe ich von der ersten Zeile Deines Artikels an gewartet – warum?

        Überrascht war ich nur, wie lang Du dafür gebraucht hast – dafür kam’s umso schlimmer, mit „Fordern gemäss HartzIV“

        Du hast übrigens einen Kommentar von mir bisher nicht veröffentlicht, bei dem die „Freiwilligkeit“ für mich eindeutig ist:

        Dieses „Kunstwerk“ ist keine Auftragsarbeit, sondern eine Überraschung … wie passt das in Dein „faules“ Weltbild?

        Verfasst von Andreas Lichte | Februar 23, 2019, 12:04 pm
      • Sorry, aber dein anderes Post war mir zu sehr Werbung. Und das bitte nicht auf meine Kosten. Das Kunstwerk wäre Arbeit, wenn es Auftragskunst wäre. Ansonsten halte ich das schlicht als Zeitvertreib, als Muße, Freizeitbeschäftigung. Offensichtlich hast du den Hartz4-Satz nicht in Gänze gelesen bzw. verstanden, geht es ja gerade um die Einschränkung desselben. Die totale Beliebigkeit finde ich aber auch nicht in Ordnung, ich arbeite als alleinerziehender Vater zwischen 50 und 60 Stunden die Woche (Erwerbsarbeit), und dann braucht mir niemand erzählen man wäre versklavt nur weil man erwartet in Rahmen seiner Möglichkeiten wenigstens teilweise für sein eigenes Leben aufzukommen.

        Verfasst von jemseneier | Februar 23, 2019, 1:21 pm
      • @ JEMSENEIER

        Du schreibst: „Sorry, aber dein anderes Post war mir zu sehr Werbung. Und das bitte nicht auf meine Kosten.“

        Du hast es nicht verstanden, wie Du jetzt vielleicht selber bemerkt hast: Bei „Lascaux“ weiß ich nicht, warum das entstanden ist, bei dem von Dir zensierten Post mit einem anderen „Kunstwerk“ schon.

        Ich diskutiere nicht weiter mit jemandem, der mich zensiert.

        Verfasst von Andreas Lichte | Februar 23, 2019, 1:25 pm
      • Das ist ein privater Blog und ich behalte mir vor, wen und was ich freigebe. Manchmal bin ich einfach zu faul meine Positionen noch ein 2. oder 3. Mal durchzukauen, und vieles finde ich einfach überflüssig. In dem Fall ist es schlicht meine Faulheit bzw. meine Effizienz, und dazu stehe ich.

        Verfasst von jemseneier | Februar 23, 2019, 2:30 pm

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Achtung bei Kommentaren!

WordPress erhebt in der Kommentarfunktion Besucherdaten und verwendet diese zu Werbezwecken. Außerdem werden diese Informationen womöglich außerhalb Deutschlands gespeichert. Der Blogger hat darauf wenig Einfluss. Bitte dies bei Benütznung bedenken

%d Bloggern gefällt das: