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Aussteiger, Parallel-Universum, Veranstaltungen

Die Gretchenfrage – Theater in Prien


“Wieso folgst du dem Licht?”… “weil es mich glücklich macht.”…”Du siehst aber nicht glücklich aus!”

Wenn man nach Prien hinein fährt, dann fällt auf dass es im ganzen Stadtgebiet kein brauchbares Mobilfunknetz gibt. Der Grund hierfür, dafür gehe ich fast jede Wette ein, ist dort die hohe Dichte an seltsamen Esoterikern: Prien ist ein ganz besonderes Pflaster, dort gibt es die Waldorfschule mit den Heilpraktikertagen und der anthroposophischen Christusgemeinde. Vor Jahren hatte man hier schon versucht, eine Anastasia-Schule zu gründen, lange bevor der Mist in den Medien präsent war – weil offensichtlich ausgerechnet diese Waldorfschule noch nicht abgefahren genug ist. Im Vorort lebte die “Geierwally” Barbara Rütting, und damit die esoterische Parodie jeder Grün-Politikerin. In der Klinik-Stadt Prien kreuchen und fleuchen anthroposophische Ärzte, Yoga-Meister, Lebensberater, Gurus und so ziemlich alles was man sich vorstellen kann, um gut situierte Exil-Münchner bei Laune zu halten. Ein absurdes Terrarium, ein Zentrum des ohnehin furchtbar esoterischen Chiemgaus.

Und da war ich nun, und hab mir in der evangelischen Kirche ein Theaterstück angesehen, das genau das zum Thema hat: Eine Sekte, “Lichtarbeiter” mit theosophischen Hintergrund. Geschrieben und in einer Hauptrolle gespielt von Luisa Bogenberger, einer jungen Dame, deren Familie lange in Prien gelebt hat, und die wohl viele dieser Facetten hautnah mitbekommen hat.

Luisas Mutter war in der Sekte “Kirschblütengemeinschaft” des Schweizer Psychiaters Samuel Widmer, und hat vor etwa zwei Jahren ihren Austritt mit einem ebenso emotionalen wie selbstreflektierten Interview verkündet. An der Psycholyse, der speziellen von Widmer gelehrten Drogen“Therapie“ sind mehrere Leute verstorben.

Direkt im Chiemgau gibt es auch einige Opfer von esoterischen Gemeinschaften. Neuestes Beispiel in der Presse waren gerade die Morde und Selbstmorde im Umfeld der Sekte “Neuer Yogawille”. Durch die Presse ist auch vor einigen Jahren ein Selbstmord um die Sekte “Ein Weg hinters Licht” gegangen. Der Ehemann hat ein Buch darüber geschrieben, über diese ganzen Ereignisse, über die Gefühle, Sehnsüchte, und die Manipulation. Er beschrieb das als Kampf zwischen dem Sektenguru und ihm selbst, sozusagen um die “Seele” seiner Ehefrau…

Das ist eigentlich auch so ähnlich der Punkt, an dem das Theaterstück einsetzt: Hier ist es aber die Schwester, die kämpft!
Valentina und Greta haben beide irgendwie diese „Wohlstandsleere“. Menschen, die trotz aller Fülle das “Leben nicht mehr fühlen”. Greta lernt einen Guru kennen, und meint endlich die großen Antworten gefunden zu haben: Den Mann, der ihr das Dasein erklärt und die Tiefe gäbe, die sie vermisst.

Nur, wie man sich vorstellen kann: Elias, der Guru (gespielt von David Wenzl) ist anders. Ein Narzisst par Excellence. Jemand, der weiß, wie man Menschen manipuliert. Wie man Herzen öffnet, der Jedem und Jeder erzählt was man hören will, um alles zu bekommen was er haben möchte. Jemand, der immer ein Stück weiter geht, weil niemand in der Lage ist ihn zu bremsen. Jemand, der sich womöglich genau deshalb irgendwann beinahe unverwundbar vorkommt, und alle Maßstäbe verloren hat. Valentina will sie aufhalten, um sie kämpfen, sie retten, die Dinge in Ordnung bringen. Ist sie stark genug? Ist sie zufrieden genug? Und dann gibt es noch Jemanden der helfen will…

Mehr will ich gar nicht verraten, nur dass so das wirkliche Happy-End ausbleibt.

Die Nähe zwischen dem Schauspiel und dem Publikum war fast verstörend, aber es schärft damit den Blick auf ein Drama unserer Zeit, das fast überall passiert! In jeder Stadt, in jedem Dorf, in der Mitte unserer Gesellschaft, ohne dass viel dagegen gesagt und gemacht wird.

Durch meinen Blog werde ich deswegen oft angeschrieben, und man fragt mich was man dagegen machen könnte. Ich befürchte, dass man Spirituelle nur schwer aufhalten kann. Ich bin leider auch oft ratlos und halte mich zurück mit zuviel Tipps. Nur den einen:  Passt auf euch selbst auf! Wenn ihr euch dabei selbst kaputt macht ist Niemanden geholfen!

Es sind alles Twens, teilweise Teenager die dieses Stück bestreiten, aber ich habe noch nie so ein intensives Theaterstück gesehen, in dem aus so jungen Leuten schon so viel Lebenserfahrung spricht. Ein Grund mag sein, dass die Theatergruppe „Y“ aus Schauspieler- und Regisseursfamilien stammt. Ein anderer ist sicher, dass viele Belange einfach auch authentisch sind, und in einer verdichteten Geschichte zusammen gefasst wurden.

Vielen Dank für ein außergewöhnliches Theaterereignis, und ich wünsche euch dass ihr noch viele Menschen damit aufrütteln könnt.

Einer der nächsten Termine ist auf dem evangelischen Kirchentag. Geht hin, wenn ihr dort seid. Bitte. Oder zu einer der hoffentlich zahlreichen weiteren Vorführungen.

Weitere Infos und Vorführungen hier.

Über jemseneier

Chiemgauer

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