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Bilder aus dem Chiemgau, Parallel-Universum

Meine Kritik an der BR-Doku über Hohenfried – Anthroposophie und Behinderungen



ich mach dem Behinderten-Werk- und Wohnstätte “Hohenfried” überhaupt keine Vorwürfe, dass sie auf Facebook meinen Kommentar gelöscht haben. zum Glück hab ich ja meinen Blog, und dann steht es nun eben hier, und ein wenig ausführlicher. 

Vorausgehend will ich anmerken, dass ich keine konkrete Kritik an der Einrichtung darstellen kann, dafür fehlen mir die Einblicke. Wohl kritisieren kann ich aber am ideologischen Überbau, und dass der Auswirkungen hat, wird ja nicht mal vom Betreiber bestritten. Im Gegenteil…

Also der BR hat über eine Lokal-Redaktion einen Beitrag über Hohenfried erstellt. Leider hat man das Recherchieren übersehen, was denen hier in der Gegend leider zu oft passiert. Ich wünschte ich könnte diesen Leuten vom BR ein bisschen helfen, und hab mir schon überlegt ob man nicht so eine Art Verfahren initialisieren sollte, wo Wissenschaftler und Fachleute Journalisten und Politiker “adoptieren” könnten, um ihnen ein paar kritische, naturwissenschaftliche, erkenntnistheoretische Basics zu erklären. Dieser Beitrag des BR wäre wieder so ein Fall…

Vorgestellt wird das Behindertenwohnheim mit Werkstätten “Hohenfried” in Bayerisch Gmain, bei Bad Reichenhall. Die Werkstätten arbeiten nach dem “anthroposophischen Menschenbild”, was so auch der Sprecher des BR mehr oder weniger nachplappert. Das ist deren Markenkern, da herum wird der ganze Beitrag gesponnen. Mit eine Rolle spielen dürfte auch, dass eine andere anthroposophische Einrichtung, die Waldorfschulen, dieses Jahr ihr Hundertjähriges feiern. Da versucht man an Werbung alles aufzubieten, was nur irgendwie geht.

Es fällt auch auf, dass im Video ausschließlich sehr „rüstige“ und hübsche gehandycapte Menschen dargestellt werden, was jetzt dem Alltag in anderen Einrichtungen nicht entspricht. Der Alltag an Menschen, die mit diversen Apparaturen zurecht kommen müssen, ist selten optisch schön, so wie das hier dargestellt sein will. Andere Einrichtungen scheinen mir da einfach viel ehrlicher zu sein.

Anthroposophisches Menschenbild

von einem Journalisten hätte ich erwartet, dass er diesen Ausdruck “Anthroposophisches Menschenbild” recherchiert, wenn er so zentral für so einen Beitrag steht. Leider hat man das nicht getan, dadurch ist passiert, was so oft vorkommt, und von diesem Verein ja auch oft so beabsichtigt ist: Der BR ist dem Anthroposophen-Neusprech gründlich auf den Leim gegangen. 

Das „anthroposophische Menschenbild„, wie erwähnt, fußt darauf dass man so etwas wie „Karma“ eines Menschen erkennen könnte, um ihn dementsprechend zu behandeln. Vor ein paar Jahren hatte das Hohenfried sogar noch so ähnlich auf ihrer Homepage*, irgendwann fiel Ihnen dann aber wohl selbst auf, dass sich das gruselig anhört. 

Es ist auch gruselig! Nach der Lehre der Anthroposophen sucht sich eine Seele vorgeburtlich ein Schicksal aus, um auf einer esoterischen Skala so etwas wie “Karmapunkte” zu sammeln. Schweres Schicksal bedeutet höherer Aufstieg auf der Karma-Leiter. Die Aufgabe des Anthroposophen besteht darin, jemanden darin karmisch zu unterstützen, damit da mehr Punkte rauskommen. Hört sich brutal an, ist es auch!

“Führt man sein Leben im Widerspruch zu seiner karmischen Bestimmung, kann dies zu psychischen und physischen Störungen im gegenwärtigen und im zukünftigen Leben führen. Krankheiten und Behinderungen lassen sich umgekehrt aus der Perspektive der anthroposophischen Menschenerkenntnis karmisch aus Verfehlungen in früheren Leben erklären (Sebastiani, “Anthroposophie, eine kurze Kritik”, Seite 38)

Von einer anthroposophischen Webseite erfahren wir, dass wer geistig stark behindert ist, im früheren Leben womöglich ein Selbstmörder oder Massenmörder war. Der soll sich dann als unintelligente Wiedergeburt quasi neu erden. Überhaupt bedauert man, dass Leben keinen Schmerz mehr haben dürfe…

Wie des öfteren erwähnt: Anthroposophen arbeiten gerne mit solchen Worthülsen, in der Hoffnung dass das Gegenüber etwas anderes versteht, und der „tiefere Sinn“ nur den „Eingeweihten“, gut durchindoktrinierten Leuten zugänglich bleibt. Der Schein ist das was zählt.

Grundsätzlich halte ich solche Ideen, die Menschen ohne jeden Beweis kategorisieren, für extrem übergriffig. Ganz besonders bei denen, die sich selbst nicht einmal wehren können.

Man kann nur hoffen, dass hier in solchen Einrichtungen dann doch ein individueller Humanismus vor der furchtbaren „ganzheitlichen“ Lehre der Anthroposophie siegt. In vielen Bereichen dieser Sekte ist das nicht der Fall! Zum Beispiel lassen Anthroposophen ihre Kinder deshalb nicht impfen, weil sie durch eine Infektion karmisch weiter kommen würden. Wenn sie es nicht überleben, dann würde das für das nächste Leben gut geschrieben.  Was hier oberflächlich so sanft, liebenswürdig und „ganzheitlich“ daherkommt, hat im Hintergrund eine brutale Doktrin, die hinter Buzzwords versteckt bleibt. Ich würde mir echt wünschen, dass der BR da besser recherchiert.“

Ursprünge

Zur Zeit Rudolf Steiners, zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat man gerade langsam angefangen, sich um Reformen im Umgang mit Behinderten zu kümmern. Im Volksglauben dagegen galten Behinderte und deren Familien oft noch als minderwertig, als Bestrafung Gottes für diverse Sünden und für verflucht. Sie wurden deshalb gesellschaftlich gemieden. 

Steiner schaffte es in der Reform-Heilpädagogik Fuß zu fassen. Was unter Anthros als großen Schritt gefeiert wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung als ebenso rückständig wie fatal. Durch seine esoterischen Erklärungen legitimiert er das was vielleicht sonst überwunden worden wäre: über diesen Karma-Bullshit werden Behinderte und deren Familien nicht nur erneut diskreditiert, sondern sie werden zusätzlich von Opfern zu Tätern gemacht. Dass Behinderte ein schlimmes Schicksal schlicht nicht anders „verdient“ hätten, jedem das Seine… Dadurch macht er auch teilweise den Weg frei, für den “Sozialdarwinismus” des 3. Reichs, mit all seiner Gewalt.
Für Behinderte änderte sich erst wieder Grundlegendes viele Jahrzehnte nach Steiners Tod, ein bisschen auch durch die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus, bei der es die junge Bundesrepublik bis vor wenigen Jahren noch vermied, die religiös-esoterische Seite des 3. Reichs aufzuarbeiten.

Heute ist der Umgang mit Behinderten längst zu wissenschaftlichen Disziplinen herangewachsen, sowohl Heilpädagogik als auch Ergotherapie und andere haben teilweise universitäre Ränge erhalten. Das Wissen um die Behandlung und Unterstützung von Behinderten hat sich massiv ausgeweitet. Niemand käme heute (hoffentlich) ernsthaft noch auf die Idee, einem Behinderten zu seinem Handycap auch noch die Schuld daran zuzusprechen? Statt jemand in seinem “Schicksal” zu unterstützen, ist heute echte Hilfe angesagt! Und natürlich geht es heute auch um die Minimierung von Schmerz und Leid. Eigentlich sind auch diese Behindertenwerk und -wohnstätten in vielen Fällen nicht mehr zeitgemäß, weil die modernen Inklusions-Ideen davon ausgehen, dass das Normalste im Leben der gemeinsame Weg von Behinderten und Weniger-Behinderten ist, auch in der Arbeitswelt.

Ich frag mich echt, wie man ernsthaft die Lehren eines durchgeknallten Esoterikers, der Leben eine solche unterschiedliche Wertigkeit zuspricht, der nur wenig Ahnung davon hatte wie man wirklich mit Behinderungen umgeht, heute immer noch wie eine Ikone vor sich her tragen kann?! 

Und ich frage mich immer noch, wie dieses Bild der Bayerische Rundfunk so unreflektiert übernehmen konnte? 


*Printscreens von damals liegen vor, die ich aber aus Persönlichkeitrechten nicht veröffentlichen werde

Über jemseneier

Chiemgauer

Diskussionen

3 Gedanken zu “Meine Kritik an der BR-Doku über Hohenfried – Anthroposophie und Behinderungen

  1. Verfasst von AnthroBlogger | Juli 4, 2019, 9:19 am
  2. Hier schreibt jemand, der so überhaupt keine Ahnung von den Ideen der Anthroposophie hat- nicht einmal im Ansatz und maßt sich ein Urteil an! Vielleicht sich erst einmal gründlicher mit der Materie auseinander setzen, bevor man so grossspurig daherredet!

    Verfasst von Hochkalter | August 29, 2019, 6:49 pm
    • Das interessante an der Anthroposophie ist ja, je mehr man davon und darüber liest, desto gruseliger wird es. Also, auch in Hinblick auf den äußerst argumentlosen Kommentar, gehe ich davon aus dass sie hier noch diverse Nachhilfe benötigen. In meinem Blog finden sie hierzu, zu Anthroposophie, einige Beiträge. Wesentlich tiefer als das, was Anthros so nicht Indoktrinierten Leuten so an Buzzwords vortischen. Alles Gute.

      Verfasst von jemseneier | August 29, 2019, 8:07 pm

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