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(Real)Satire, Doppeldenk, Parallel-Universum, Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Schwarmdummheit


Nicht selten wird die Szene der Verschwörungsphantasten und Esoteriker von neuen Begriffen erfasst. In der Coronakrise hat sich da als neues Wort die „Schwarmintelligenz“ etabliert, für Meinungen die halt teilweise schon ziemlich doof sind.
Auch die neue Corona-Leugner/Verharmloser-0,5%-Partei (“DieBasis”) beruft sich auf ihre sogenannte “Schwarmintelligenz”. Aber was hat es wirklich damit auf sich?

Jetzt könnte man die Sache abkürzen, und darstellen dass ein paar teils minder intelligente Coronaleugner  ja nur ein eher kleiner Ausschnitt der Bevölkerung ist. Dem gegenüber stehen dann locker mehr als 90%, die das Problem im Grundsatz erkannt haben, aber ein wenig in den Lösungsvorstellungen variieren.  Auf Basis primitiver Schwarmlogik würde das heißen, dass der 90%-Schwarm sowieso gegenüber dem 0-10%-Schwarm gewinnt. Alles klar? Samma fertig!? 
Dann könnte ich jetzt einfach aufhören zu schreiben…

Naja, so leicht will ich mir das jetzt nicht machen. Das Phänomen für sich ist schon interessant. 

Wie kommen die Leute jetzt trotzdem darauf, dass ausgerechnet ihr kleiner Schwarm der “richtige” wäre? …und schon wird´s absurd. Das funktioniert, indem diese Einfältigen dem Rest einfach das Denken absprechen. Sie wären nämlich die “Selberdenker”! 
Wir werden gerade am Bild des “Schwarmdenkens” erkennen können, dass eher das Gegenteil der Fall ist. 

Dazu kommen bei den selbsternannten “Selberdenkern noch dummdreiste Denkabkürzungen wie “Intuition” (dazu habe ich schon umfangreich geschrieben) und die Phrase vom “gesunden Menschenverstand”, was sie zusätzlich disqualifiziert. Auf den Menschenverstand beziehen sich sowieso nur Leute, denen die echten Argumente eh schon ausgegangen sind.

Die faktische “Schwarmdummheit” tangiert die kompletten 10 Jahre, in denen ich diesen Blog schreibe, ich werde es auch hier nicht schaffen alle Aspekte zu beleuchten. Auch hier kann ich nur Teile herausgreifen.

Ursprung

Ein Ursprung der Idee von “Schwarmintelligenz” kommt von der Weltausstellung 1884 in London. Dort sollten Besucher, größtenteils Laien, gegen Einsatz und für Preisgeld das Schlachtgewicht eines Ochsen schätzen. Fast 800 Leute haben teilgenommen. Francis Galton, ein Naturforscher, hat sich dabei kurzerhand diese Schätz-Zettel ausgeliehen und statistisch ausgewertet. Das Schlachtgewicht des Ochsen wurde im Durchschnitt auf 1197 englische Pfund geschätzt. Nach der Schlachtung ergab sich dann tatsächlich mit 1198 Pfund fast ein Punkttreffer.

Diese Geschichte habe ich aus dem Buch “Die Weisheit der Vielen” von James Surowiecki, das ich hier zur Recherche in großen Teilen gelesen habe. Das scheint so ein bisschen das Hauptwerk im deutschsprachigen Bereich zu dem Thema zu sein.

Im Buch von Surowiecki habe ich eindrucksvolle Beispiele von Schwarm-Zusammenarbeit gelesen, bei Linux zum Beispiel. Aber auch ganz grauenvolle Beispiele an Schwärmen, wo alles schief geht. 

Ich neige dazu, das so zusammenzufassen dass es in Schwärmen tatsächlich gute Einzelleistungen gibt, wie Programmierteile bei Linux, aber wenn´s um gemeinsame Überzeugungen geht, dann fällt die Idee von “Intelligenz” plötzlich vollkommen in sich zusammen. Ich habe in dem Buch keine guten Beispiele für komplexe intelligente Übereinkünfte in ungeordneten Gruppen entdeckt. Statt dessen sieht der Autor eine gewisse Intelligenz in der Wahl der Dinge durch ein im Schwarm möglichst großes Angebot. Was ich davon halte, dazu komme ich noch. 

Eigentlich sieht es eher so aus, dass je größer die Gruppe, je unterschiedlicher der Horizont ist, desto geringer ist die Übereinkunft unter den Mitgliedern. In den Überzeugungen wird man sich eher auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Einfache Erklärungen sind aber selten intelligent, spiegeln auch ganz sicher nicht die Realität wieder. 

Am untersten Ende stehen Verschwörungsmythen, dafür braucht´s dann sogar keinerlei Wissen. Wer zu dumm ist Sachverhalte zu begreifen, kann immer noch an Verschwörungen glauben.

Der Verschwörungsmythos ist außerdem dafür da, jemanden zum Schuldigen zu erklären. Gleichzeitig kann man damit jede eigene Schuld von sich weisen. Klar, dass sich solches Denken nicht an Intelligenz sondern an Emotionen ausrichtet. 

Der Schwarm ist oft auch wie eine Herde, die hochemotionalisiert und besetzt mit Verschwörungsglauben ihren Führern nachläuft. Die Herde ist das Bild, das Coronaleugner nur allzu gerne für Andere verwenden, während sie aber selbst durch diese falsch verstandene “Schwarmintelligenz” genau zu ihr werden. 

Der Schwarm/Die Herde ist synonym. Wir denken an all den schlimmen Entgleisungen unserer Geschichte, von Antisemitismus bis zur Hexenverfolgung, verfestigt durch Aberglauben und Verschwörungsdenken.

Schätzen und Erfahrung

Das oben genannte Beispiel mit dem Ochsen ist ganz gut wiederholbar, funktioniert z.B. auch mit Erbsen in einem Glas, oder der Schätzung der Zimmertemperatur. 

Das sind natürlich extrem simple Beispiele, bei komplexeren Fragen scheint die Methode aber oft daneben zu liegen. Beispielsweise galt Frankreich zur Europafussballmeisterschaft als klarer Favorit, gefolgt von Deutschland. Beide Mannschaften haben es nicht mal ins Viertelfinale geschafft. (Gewonnen hat Italien)

Anzumerken wäre im Kontext mit Pandemie-Leugnern auch noch der Umstand, dass uns allen schlicht die Erfahrung im Umgang mit Pandemien fehlt. Wenn man beim Schätzen von Temperatur, Murmeln, Fleischmasse etc. irgendwo noch Erfahrungen hat, die man adaptieren könnte, fehlt uns dieses Basis-Know-How hier praktisch vollkommen. 

Hinzu kommt, dass sich Menschen grundsätzlich schwer tun, exponentielles Wachstum abzuschätzen. Angela Merkel, unsere Bundeskanzlerin und Physikerin, hat im Herbst 2020 fast exakt Infektions- und Todeszahlen voraussagen können, in so einem Studium lernt man das. Weniger gebildete Menschen, sogar Ministerpräsidenten, hatten aber damit ein Riesenproblem. Dabei muss man eigentlich nur in Verdopplungsschritten denken.

Ebenso sieht es übrigens auch aus mit der Klimakatastrophe. Es ist ganz einfach die erste die wir durchmachen, für jeden von uns. Die daraus folgende Schwarmdummheit hilft uns nicht weiter. Im Gegenteil, sie führt viele auf die falsche Fährte.

Schwarminformation, Schwarmintelligenz, Schwarmbestätigung?

Je mehr ich darüber diskutiere, Psychologen, Soziologen, Programmierer und andere schlauere Leute dazu befrage, und je weiter ich in dem Buch von Surowiecki lese, bin ich mir sicher dass er in einem ganz gravierenden Punkt auf dem Holzweg ist, indem er “Schwarmwissen” bzw. “Schwarminformationen” schon als “Schwarmintelligenz” definiert. 

Schwärme sind gut für die Informationsbeschaffung, Für mich ist das beste Beispiel ja Google: Das wird aus Inhalten von Milliarden Menschen gespeist, somit würde es auch theoretisch ein fast endloses Schwarmwissen bereitstellen. 
Das Problem: es umfasst fast ebenso viele Fehlinformationen. Durch die schiere Masse an Informationen findet man dort jede Meinung, ganz egal wie falsch oder richtig sie ist. 

Traurig ist, dass viele Menschen nicht in der Lage sind, das Eine vom Anderen zu unterscheiden, und eigentlich wollen sie das auch gar nicht. Der Schwarm will selten “Wissen”, er will Bestätigung!  Ganz egal wie falsch die oft ist. Das ist wohl auch das generelle Problem an “Social Media”. 

Intelligenz oder Evolution? 

Das, was Surowiecki als “Schwarmintelligenz” ausgibt, entspricht viel eher dem Begriff einer Art „Evolution“: Es gibt mehrere konkurrierende Ideen. Die, die zu der Zeit am besten angepasst erscheint, wird sich durchsetzen. Als Beispiel führt er die Autoindustrie um 1910 an. Damals gab es sowohl Dampfkutschen, als auch Elektroautos und Verbrennermotoren. Durchgesetzt hat sich damals das Benzin. Heute, mit neuen Vorzeichen, sehen wir, dass sich das wieder ändert.
Die Intelligenz hat damit nicht der Schwarm, sie liegt immer bei dem Ideengeber. Basis für Verbesserungen ist die Frage, wie man ein Umfeld konkurrierender Ideen schafft. Die bessere Idee setzt sich im Idealfall durch, weil sie mehr Ertrag/Komfort/Vorteile etc. verspricht. Viel Intelligenz braucht es dafür nicht, nur die richtigen Anreize um die Vorteile wahrzunehmen.

Ich bin deshalb auch kein Fan davon, den Intelligenzbegriff da so über alle Maßen aufzuweichen. 

Schwarm und Psychokult

Der Schwarm ist sehr effektiv bei der Informationsbeschaffung, egal wie falsch oder richtig diese Informationen sein mögen. Jetzt gehen wir einmal davon aus, dass nicht der Wahrheitsgewinn zum Ziel erklärt wird, sondern dass eine spezielle Wirklichkeit schon vorausgesetzt wird. Der Zweck der Informationsbeschaffung und -sortierung wäre dann dahin ausgelegt, diese „Wirklichkeit“ zu stützen. In dem Fall spielt es dann fast keine Rolle mehr, wie falsch oder richtig eine Information ist. 

Michael, ein Freund von mir (Ramen, Bruder!) hatte die richtige Definition für dieses Verhalten: Es wird zur Religion, und die Auslegung zur Theologie! Das Ziel ist klar, die Wege dorthin sind vielfältig, die Nebelkerzen sind vielfältig, die Argumentation läßt wenig aus was man an Fehlinformationen kennt. 

Gleichzeitig funktioniert das System ähnlich wie bei Sekten: die abwegigen Erklärungen schweißen zusammen, bilden eine “Schwarmwirklichkeit”, die nur wenig mit der Realität abgeglichen wird. Diese Wirklichkeit funktioniert deshalb oft nur innerhalb der Gruppe, genau das spaltet.  

Die Filterbubble glaubt für sich selbst wieder an einen (meist schlecht) begründeten Elitarismus, höheres Wissen, nennt sich “Aufgewachte”, “Erleuchtete”. Man merkt schon an diesem Sprachgebrauch, wie wenig weit z.B. die Gemeinschaft der Corona-Leugner von herkömmlichen Psychokulten entfernt ist. 

Auch Sascha Lobo bezeichnet die Corona-Leugner als Kult, wo sich, üblich bei Verschwörungsgläubigen und Esoterikern, die Täter als Opfer stilisieren: „Es geht dabei nicht mehr nur um die klassische Opferpose, die viele radikale Bewegungen als Instrument verwenden. Sondern um einen umfassenden Kult des Opferseins. Mit allen dazugehörenden Kultelementen wie Märtyrern (»Er hat sich für uns geopfert!«), Dolchstoßlegenden (»Wir wurden von denen verraten, die uns beschützen sollten!«), Endzeit-Verschwörungen (»Die Pandemie ist nur der Anfang!«) und Erlösungsfantasien hinsichtlich des Opferdaseins (»Bald stürzen wir das Merkel-Regime und werden endlich frei und glücklich sein!«).“

Group-Think – Gruppendenken

Man merkt, genau da biegt dann die Schwarmdummheit in die Bereiche ab, über die ich in meinem Blog schreibe: In Esoterik und Psychogruppen.

Das hat übrigens auch Surowiecki erkannt, er nennt das “Gruppendenken”, wenn die Homogenität einer Gruppe wichtiger ist als der Wahrheitsgewinn daraus (Seite65). 

Viel besser hat dieses fehlgeleitete Gruppendenken mein Freund Axel Ebert in seinem Buch “Bullshit Busters” am Beispiel von Brainstorming-Sitzungen zusammengefasst:
Brainstorming, das Arbeiten in einer größeren Gruppe hemmt gerade das Kreativ-Denken. Einer der üblichen Brainstorming-Regeln lautet “Nicht kritisieren”, gerade diese Regel scheint als die Schwachstelle des Brainstorming-Konzeptes. Ein Phänomen, dass die Problematik dieser Gruppenprozesse beschreibt, wird in der Psychologie als Gruppendenken, im Englischen als Group-think bezeichnet. Der Begriff wurde 1972 von dem Psychologen Irving Janis geprägt. Nach Janis ist Group-think ein Denkmodus, den Personen verwenden, wenn das Streben nach Einmütigkeit in einer kohäsiven Gruppe derart dominant wird, dass es dahin tendiert die realistische Abschätzung von Handlungsalternativen außer Kraft zu setzen. Das bedeutet, dass kluge und kompetente Personen in einer Gruppe schlechtere Entscheidungen treffen, als sie es alleine tun würden. Jede Person passt dabei ihre eigene Meinung der Gruppenmeinung an.”(Bullshit-Busters, Christoph Wirl, Axel Ebert, Seite 79)
Mit anderen Worten, es geht weniger um die richtige Entscheidung, den besten Lösungsweg. Es geht um Gruppengefühl, Zusammengehörigkeit. Den Rahmen, die Prämisse die die Zusammengehörigkeit darstellt, wird nicht angefasst.

Surowiecki sieht außerdem noch eine Nachahmungstendenz schon alleine durch große Zahlen: Die Wahrscheinlichkeit dass viele Leute falsch liegen, wenn sie das Gleiche tun, scheint für gering eingeschätzt zu werden. Vielleicht scheint es irgendwie Sinn zu machen, auch wenn man selbst nicht überzeugt ist (Seite 73). Auch das scheint mir irgendwie auch so einen religiösen Moment zu haben. Ausserdem ist das auch die Erklärung für viele der Börsencrashes der letzten Jahrhunderte. Bei Pyramidensystemen und Multilevelmarketing wird es auch gerne eingesetzt: Viele hätten schon gewonnen, dann könnte ja nichts mehr schief gehen…

Q-Anon und die “Crowd-Mythen-Erstellung”

Das Extrembeispiel hierzu gab es schon kurz vor Covid19, ist dann aber auf die Coronaleugner-Bubble mit aufgesprungen.  Das ist die „Q-Anon“-Bewegung, die im Zuge von Donald Trump viel Öffentlichkeit bekam. Der Mythos von Q-Anon taucht im Oktober 2017 in dem Internetforum “4Chan” auf. Ein User bezeichnet sich dort als “Q-Clearance-Patriot”. “Q-Clearance” bedeutet ein besondere Sicherheits- bzw. Verschwiegenheitseinstufung im US-Amerikanischen Energieministerium, “Anon” steht für “anonymus/anonym. Hier postet also jemand, der behauptet wichtige Regierungsinformationen zu kennen und anonym weiter zu geben. Die Story von Q-Anon ist eher lückenhaft, er gibt sie in sogenannten “drops” weiter. Darunter ist die Behauptung, Regierungsbeamte und gut situierte Menschen würden als “Deep State” gemeinsam einen globalen Kinderhändlerring betreiben, gleichzeitig einen Putsch planen. Die Kinder wären irgendwo in unterirdischen Verliesen gefangen, würden dort gefoltert und vergewaltigt, und müssten ihr Blut hergeben für die Herstellung von “Adrenochrom”, was der Elite zur Verjüngung dienen soll. Lichtvoller Gegner gegen diesen “Deep State” wäre absurder Weise ausgerechnet Donald Trump. Donald, Q-Anon etc. würden quasi daran arbeiten, die Kinder zu befreien und den Staat vom Deep-State zu reinigen… 

Die Rahmengeschichte steht also fest. Die “Leistung” der Filterbubble besteht nicht darin, Aussagen auf ihre Richtigkeit abzuklopfen, weil die Richtigkeit dieser Weissagungen in dem Kult ja schon vorausgesetzt wird. Die “Leistung” besteht darin, Weissagungen auszuschmücken und dadurch glaubhafter zu machen. Dabei werden Trumps Äußerungen wie Nostradamus-Sprüche gelesen, tieferer Sinn wird hineininterpretiert. Wenn Trump zum Beispiel “vom Licht am Ende des Tunnels” spricht, meinen Q-Anon-Jünger, die Befreiung der erfundenen Kinder aus dem unterirdischen Verlies stünde kurz bevor. 

Die “Intelligenz” des Schwarms besteht darin, möglichst schnell und effizient den Bullshit zu mehren. Man ist also wahnsinnig intelligent darin, doof zu sein… 

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass sich der Q-Anon-Mythos frappierend an antisemitische Märchenerzählungen anlehnt, die durch die Schwarmdummheit dieser Leute ein Comeback erfahren. 

(Quelle: Skeptiker-Sonderheft “Das Virus der Verschwörungstheorie” der GWUP, 2020)

Experten oder Demagogen

Für einfache Schätz-Aufgaben hat man herausgefunden, dass das Ergebnis am Besten wird, wenn die Leute unabhängig und unwissend voneinander wählen dürfen. Sonst würde das Pendel vielleicht eher in die eine oder andere Richtung ausschlagen.

Auch bei Surowiecki gibt es so eine Art (Ich nenne das mal) “Demagogenprinzip”: dass sich Leute gerne an Anderen orientieren, die womöglich besonders “laut“ sind. Wenn unser eigenes Wissen gering ist, vertrauen wir gerne Leuten die ihre Meinung sehr selbstsicher vortragen. Ob die jetzt wirklich einen Expertenstatus haben ist dabei oft zweitrangig, bei Coronapandemieleugnern haben sich da ja ganz besonders Schnulzensänger und Vegan-Köche hervorgetan.

Schlimm an Surowieckis Schwarm-Buch ist, dass es keine Strategie im Umgang mit Experten hat, das ist auch der Grund warum es auf “Schwarmintelligenz” ausweichen muss. Ich finde das fast tragisch, der Autor hätte vielleicht mal in der Wissenschaftscommunity nachfragen sollen, wie die untereinander zu gesicherten Wissen kommen. Wenn ich kein Kriterium habe, um Qualität auszusieben, bin ich natürlich mit dem Durchschnitt am Besten bedient. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, Experten auf den Zahn zu fühlen, beispielsweise die Qualität und Art der Veröffentlichungen (nachschauen bei Google Scholar), das Renommee innerhalb der Wissenschaftsgemeinde. Besonders für Laien eignet sich die Kontrolle, wie oft jemand auf unsaubere Argumente wie Esoterik, Verschwörungstheorien, Fehlschlüsse und Emotionen ausweichen muss, statt saubere Argumente zu liefern. Es macht auch Sinn, statt eine Suchmaschine zu benutzen, Dinge direkt auf Wikipedia nachzulesen. Die haben seit Langem ein sehr passables Qualitätssystem. 

Auch kann man selbst prüfen, wie sehr ältere Prognosen von der Realität bestätigt oder widerlegt wurden. Ein Drosten hat zum Beispiel den Verlauf der Pandemie (Sommereffekt, großer Anstieg im Herbst etc.) fast im Detail vorausgesagt. Ein Baghdi, Idol der Querdenkerszene, lag schon mit seinen Prognosen zum Sommer 2020 komplett daneben, für ihn hätte es keine 2. und keine 3. Welle gegeben, die nochmal fast 90.000 Todesopfer in Deutschland forderten. Trotzdem läuft ihm die Blase der Querdenker noch hinterher, aus Schwarmdummheit.

Schwarm auf esoterisch

Worauf man in dem Kontext dieser Leute nur warten muss, und ich deshalb gar nicht weiß ob ich da jetzt vorgreife oder das schon so gemacht wird, ist die Idee vom spirituell verbunden Menschen, der durch gemeinsames Beten, Meditieren oder dergleichen einen Einfluss auf die Welt hätte, sozusagen ein kollektives Bewusstsein schaffen könne. Die Idee dahinter besteht irgendwo aus Reiki/Geistheilung, Telekinese und uminterpretierten bzw. direkt falschen Forschungsergebnissen. Meistens kommt dann die Geschichte vom “100-Affen-Experiment”, die auch für sich wieder absoluter Bullshit ist: Japanische Makaken auf verschiedenen Inseln hätten ihr Verhalten/Wissen (Waschen von Süßkartoffeln) unabhängig von einander synchronisiert. Dieses Ergebnis einer Affenstudie über einzelne Gruppen hinaus wurde in Esoterikerkreisen schlicht herbei phantasiert und hält sich sehr hartnäckig. Nachzulesen auf Wikipedia oder im Buch “mein paranormales Fahrrad”. Tatsächlich bezieht sich Surowiecki in seinem “Weisheitsbuch” auch auf dieses Affenexperiment, allerdings nur soweit wie es wirklich stattgefunden hat, von Masao Kawai, im Abschauen von Verhaltungsweisen in einer einzelnen Gruppe. Würde mich nicht wundern, wenn die esoterische Erweiterung nicht längst Teil der Bubble ist.

Zum Schluss

Wir brauchen die Vielfalt an Schwarmwissen. Bitte nennen wir es nicht -intelligenz. Hören wir auf den Intelligenzbegriff zu überdehnen!

Wir brauchen die Vielfalt an Ideen, um die Dinge zu meistern die auf uns warten. Wir brauchen Lösungen, um mit den Naturkatastrophen umzugehen, oder sie eventuell abzuwenden. Eine davon ist die Corona-Pandemie, eine andere viel dringendere ist der Klimawandel. Wir brauchen hierfür Ideen, um unseren Energie- und Ressourcenverbrauch umzuwandeln, unser Gemeinwesen zu ändern.

Was wir nicht brauchen, sind Esoteriker und Verschwörungstheoretiker, bei denen an oberster Stelle die Leugnung eines Problems steht, und die dann nichts anderes tun als in ihrer Echokammer ihre Ignoranz in allen Facetten zu zelebrieren. 

Schwarmdummheit können wir uns nicht leisten. 

Über jemseneier

Chiemgauer

Diskussionen

2 Gedanken zu “Schwarmdummheit

  1. … Klasse Artikel. Danke fürs Schicken – und besonders fürs Zitieren!

    Sehen wir uns am 15. oder bist auf Urlaub?

    Lieben Gruß

    Axel

    Von: Chiemgau Gemseneier
    Gesendet: Dienstag, 10. August 2021 20:07
    An: Axel Ebert
    Betreff: [Neuer Eintrag] Schwarmdummheit

    jemseneier veröffentlichte:“ Nicht selten wird die Szene der Verschwörungsphantasten und Esoteriker von neuen Begriffen erfasst. In der Coronakrise hat sich da als neues Wort die „Schwarmintelligenz“ etabliert, für Meinungen die halt teilweise schon ziemlich doof sind. Auch die neue“
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    Neuer Beitrag auf Chiemgau Gemseneier
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    Schwarmdummheit
    von jemseneier

    Nicht selten wird die Szene der Verschwörungsphantasten und Esoteriker von neuen Begriffen erfasst. In der Coronakrise hat sich da als neues Wort die „Schwarmintelligenz“ etabliert, für Meinungen die halt teilweise schon ziemlich doof sind.
    Auch die neue Corona-Leugner/Verharmloser-0,5%-Partei (“DieBasis”) beruft sich auf ihre sogenannte “Schwarmintelligenz”. Aber was hat es wirklich damit auf sich?

    Jetzt könnte man die Sache abkürzen, und darstellen dass ein paar teils minder intelligente Coronaleugner ja nur ein eher kleiner Ausschnitt der Bevölkerung ist. Dem gegenüber stehen dann locker mehr als 90%, die das Problem im Grundsatz erkannt haben, aber ein wenig in den Lösungsvorstellungen variieren. Auf Basis primitiver Schwarmlogik würde das heißen, dass der 90%-Schwarm sowieso gegenüber dem 0-10%-Schwarm gewinnt. Alles klar? Samma Fertig!?
    Dann könnte ich jetzt einfach aufhören zu schreiben…
    [https://chiemgaugemseneier.files.wordpress.com/2021/08/vsd.jpg?w=560]

    Naja, so leicht will ich mir das jetzt nicht machen. Das Phänomen für sich ist schon interessant.

    Wie kommen die Leute jetzt trotzdem darauf, dass ausgerechnet ihr kleiner Schwarm der “richtige” wäre? …und schon wird´s absurd. Das funktioniert, indem diese Einfältigen dem Rest einfach das Denken absprechen. Sie wären nämlich die “Selberdenker”!
    Wir werden gerade am Bild des “Schwarmdenkens” darstellen können, dass eher das Gegenteil der Fall ist.

    Dazu kommen bei den selbsternannten “Selberdenkern noch dummdreiste Denkabkürzungen wie “Intuition” (dazu habe ich sch

    Verfasst von Axel Ebert | August 10, 2021, 11:09 pm

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