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aus meinem Leben, Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Vom Hausverstand und Menschenverstand


Ich mag dieses Wort “Menschenverstand” nicht.

Ich glaube, das erste Mal, als ich Jemand damit argumentieren hörte, war früher mein Deutschlehrer. Literarisch natürlich gebildet machte er keinen Hehl aus seinen geringen naturwissenschaftlichen und mathematischen Kenntnissen. Auch da lag schon der Verdacht nahe, dass der “Menschenverstand” so eine Ausweichkonstruktion war, für den eigenen Unverstand. Eigentlich war es im Schöngeister-Milieu sogar üblich, sein Unwissen mit Stolz vor sich her zu tragen, ohne sich dann seiner Meinung zu enthalten.  

Das ist ja auch so einfach und deshalb so furchtbar befriedigend: Wenn man von manchen Dingen keine Ahnung hat, dann kann man sich immer noch auf den “gesunden Menschenverstand” beziehen. Vielleicht sogar genau deshalb, weil man keine Ahnung hat.

Die eigentliche Idee vom “gesunden Menschenverstand” geht ja davon aus, dass man diesen Verstand schon alleine deshalb besäße, weil man als Mensch geboren wäre. Wer das als Argument einsetzt, impliziert zwei Dinge:
Zum Einen meint man, dass Bildung überhaupt den Verstand verfälscht. Die Idee von der “Verschulung” hört man ja zu gerne in Esoterikerkreisen. Sie kommt dort auch in der Bezeichnung der real-existierenden Medizin als „Schulmedizin“ vor, der man dann eine alternative Variante entgegensetzen möchte. Die „Alternative“ entzieht sich aber in der Regel allen Beweisen und der Realität, weshalb man dann regelmäßig wieder auf das Pseudoargument vom „gesunden Menschenverstand“ abbiegt.
Zum Anderen meint man damit, dass das Gegenüber überhaupt kein vollwertiger Mensch wäre. Weil sonst würde für den ja auch als Basis der Menschenverstand gelten. Jede Argumentation mit dem Menschenverstand würde damit praktisch ins Leere laufen. (Und eigentlich tut sie das auch)

Die Idee vom nicht-vollwertigen Menschen bei gleichzeitiger Erhöhung der eigenen Ignoranz und Dummheit hat in Deutschland noch andere Stilblüten erlebt. Im NS-Regime und unter Braunen wurde der „gesunde Menschenverstand dann zusätzlich noch mit dem „gesunden Volksempfinden“ ergänzt, mit dem man dann noch krasser über Bullshit-Argumente Antiaufklärung betreiben konnte. Das wurde 1935 dann sogar zum Rechtsbegriff: „„Bestraft wird, wer eine Tat begeht, die das Gesetz für strafbar erklärt oder die nach dem Grundgedanken eines Strafgesetzes und nach gesundem Volksempfinden Bestrafung verdient. […]“

Das bairisch-österreichische Wort “Hausverstand”

Mein Opa war Landwirt hier im Ort. Ich habe noch seiner Bibliothek zuhause, die der wahrscheinlich auch schon von seinem Vater oder Opa übernommen hatte. Die war nicht besonders groß: Ein Buch über Mauerwerk, eines über Zimmererhandwerk. Wahrscheinlich wird auch eine Bibel dabei gewesen sein, was mich persönlich aber nicht besonders interessiert. Und dann gab es noch das Buch “Der Haus-Thierarzt”, da stand alles über die Viecher drin, und damit auch irgendwie, wie die Dinge bei 2-Beinern funktionieren. Ich nehme an, meine Vorfahren waren nicht ganz doof und haben das interpoliert.
Was es offenbar nicht gab, war ein Buch über die Landwirtschaft, weil das hat man schließlich von Kind auf gelernt. Dafür brauchte es keine Bücher mehr. 

Das zusammen, die Bildung aus den Büchern, das was man gelernt hat, und das Wissen der Familie, vom Knecht, Freunden etc. war zusammen genommen der Hausverstand. Das hat gereicht um die Welt zu verstehen, seinen Hof zu reparieren und mal anzubauen, diverse Säuglinge (von Mensch und Tier) auf die Welt zu bringen, Krankheiten zu erkennen und zu behandeln. Dagegen sind heute Menschen mit allem Möglichen überfordert. Während der „Hausverstand“ wirklich auf Bildung basierte, die man sich bei Notwendigkeit ergänzte, gründete der „Menschenverstand“ schon immer auf Unbildung, die man damit verfestigte.

Die Idee von der Aktualisierung des Begriffes “Menschenverstand”

Nikil Mukerji schrieb vor einigen Jahren das Buch “Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands”. Darin unternimmt er den Versuch Menschen ein grundsätzlich strukturiertes Denken beizubringen, als Basis um überhaupt wirklich wieder an Diskussionen teil zu nehmen. Eigentlich ist er damit viel mehr an der Idee des Hausverstandes, als an der des Menschenverstandes. 

So wirklich glaub ich nicht, dass der Begriff reformierbar ist. Mein Eindruck, ganz besonders nach Corona, ist dass sich eher dumme Leute auf den “Menschenverstand” beziehen, und die lesen leider keine Philosophie-Bücher. Es wird daher so bleiben wie es ist: Wer sich auf den “gesunden Menschenverstand” beziehen muss, dem sind die echten Argumente längst ausgegangen. 

Deshalb mein Tipp: Lassen Sie es einfach sein! Das haben Sie doch vielleicht gar nicht nötig? Oder?

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Diskussionen

4 Gedanken zu “Vom Hausverstand und Menschenverstand

  1. Ich habe aber auch schon das Gegenteil erlebt, wo jemand mit komplizierten Rechen- und Gedankengängen zu absurd falschen Ergebnissen kommt, ohne es zu merken. Diese falschen Resultate sich aber mit der Grundrechenarten, Dreisatz und etwas Logik sofort erkennen lassen.
    Das nenne ich ‚gesunden Menschenverstand‘. Besonders häufig ist mir das in Zusammenhang mit Studien zur Energieversorgung, Energiewende und den EE aufgefallen, wo oft auch die rosarote Brille oder ideologische Scheuklappen eine Rolle spielen.

    Verfasst von Re Shu | September 20, 2021, 11:38 pm
  2. „eine Politik des gesunden Menschenverstands“

    damit bewirbt sich Kai Wegner, CDU, für die Bundestagswahl – in einem Brief an alle Haushalte.

    Hier als Beleg der „Tagesspiegel“:

    „Kai Wegner ist CDU-Spitzenkandidat für Berlin

    61 Prozent der Wähler kennen Kai Wegner nicht. Der Spandauer will Müllers Nachfolger werden – und dann auf ‘gesunden Menschenverstand statt Ideologie’ setzen“

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/ich-werde-dafuer-sorgen-dass-der-laden-wieder-laeuft-kai-wegner-ist-cdu-spitzenkandidat-fuer-berlin/26262392.html

    Verfasst von Andreas Lichte | September 21, 2021, 11:34 am
    • Das wird wohl nichts werden, das ist schon die Nicht-mehr-Frau-Doktor vor, die bei ihrer Doktorarbeit geschummelt hat und damit in Berlin den nächsten Karriereschritt zum höchsten politischen Amt der Stadt machen wird.
      Kritischen Denken bzw. Wählen sieht wohl anders aus.

      Verfasst von Felix | September 21, 2021, 12:51 pm
      • … „der gesunde Menschenverstand“ sagt dann eben, dass es egal ist, ob sich jemand seine universitären Abschlüsse erlogen hat: „Spielt doch in der Praxis keine Rolle …“ Wahnsinn!

        Verfasst von Andreas Lichte | September 21, 2021, 2:06 pm

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