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braucht koa Mensch!

Scheiß auf Karma!


Ich lese ja viel im Facebook, eigentlich zuviel…

Momentan werden vermehrt wieder irgendwelche Facebookbildchen geteilt, die sich mit Karma beschäftigen: “Karma is a bitch”, “Karma fickt jeden”, “…hat kein Verfallsdatum” und dergleichen.

Mein Statement ist das Gegenteil:

SchKarm2

Vorweg eine Frage: Habt ihr euch schon mal überlegt, in welchen Ländern diese Karmalehre eigentlich Usus ist?: Indien, Tibet.. viele Länder mit einer buddhistisch-hinduistischen Tradition. Habt ihr den Eindruck, dass es da besonders gerecht zu geht? Im Gegenteil…

Die Idee: Böse Menschen würde das Karma schon irgendwann einholen. Für Gerechtigkeit wäre schlicht das Übersinnliche zuständig. Sorry Leute, aber das ist in vielerlei Hinsicht keine gute Idee.

Die Sehnsucht nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit in einer Karmaideologie zu befriedigen ist leider hahnebüchener Unsinn. So wird immer das Gegenteil daraus:

Die Idee vom Karma ist die Manifestation asozialer Gesellschaftsstrukturen. Wem es in diesen Ländern gut geht, der hätte es schlicht verdient… und wer dort am Boden liegt, der genauso! Das wären dann Leute, die Schuld abzutragen hätten, aus früheren Reinkarnationen.
Oder es geht einfach darum, dass man die Treppe der Reinkarnationen durch möglichst viel Leid ein Stück höher steigt. Die Karma-Ideologie ist nämlich gar nicht so nett: Du musst dich so lange durch die Leben quälen, wirst geschunden, malträtiert, ausgebeutet, um irgendwann am Schluss aus dem Kreislauf der Qualen aussteigen zu können: Im Nirvana. Die christlichen Vorstellungen von Erbschuld sind echt harmlos dagegen, gegen diesen immerwährenden Kreislauf im Karma-Punkte sammeln fürs endgültige Verrecken.

Die Idee des Karmas hat übrigens eine recht lange Tradition in Deutschland. Die Übernahme von Karma-Ideen beginnt bei uns zu Beginn der Neuzeit, zu Beginn der Industrialisierung, und im Zeitalter der Kolonialisierung: Als neue Eliten beginnen, ihre ehemaligen Brüder und Schwestern in Fabriken bis aufs Blut auszunehmen! Die Ungerechtigkeit in der Welt, die Erlaubnis zur Ausbeutung holt sich die feine Gesellschaft im 19. Jahrhundert aus der fernöstlichen Weisheit. Wer Erfolg hat, hätte das verdient, und wer in der Gosse liegt, ist selber schuld: Der wird ausgeblendet, ausgebeutet und entrechtet, so wie das in Indien passiert, mit der Kaste der Unberührbaren. Die Idee des Karma wird Bestandteil eines neuen Kultes, der bis heute anhält: den der Esoterik! Helena Petrovna Blawatzky, Rudolf Steiner (Waldorfschulen, Demeter, Anthroposophie etc.) und weitere haben das dort mit eingebaut.

lm Überheblichkeitsdenken des Westens mit Hilfe der Karma-Ideologie ist es auch in Ordnung, andere “Rassen” auszubeuten. Seinen Höhepunkt  findet das im Nationalsozialismus. Sebottendorf, Gründer der Thule-Gesellschaft, einer Vorgängerorganisation der NSDAP, spricht angelehnt an die indische Kultur, von Tschandalen: Von unwerten Menschen, die es durchaus verdient hätten, schlechter behandelt zu werden.  Lanz von Liebenfels, der ideologische Ziehvater Sebottendorfs und Ideengeber Adolf Hitlers  meinte, man müsse die Tschandalen auf dem Altar von Freya opfern. Juden, Sinti, Roma sind für die Nazis solche Menschen, die man sogar vernichten dürfe.

Abgeschrieben haben die Nazis das aber auch nur bei Blawatzky und Steiner, den immer noch aktuellen Zieheltern der heutigen Esoterik. Für Steiner-Fans heute ist es beispielsweise total in Ordnung, ihre Kinder an Infektionskrankheiten leiden und sterben zu lassen, gegen die man auch impfen könnte. Bring sie dann eben karmisch weiter, im nächsten Leben.

Und wer beispielsweise behindert ist, hätte das ebenso gewählt, aus Schuld oder einfach um extra Karma-Punkte zu sammeln. Es gibt im Berchtesgadener Land eine anthroposophische Behinderten-Einrichtung, die warb im Internet bis vor vor ein paar Jahren noch damit, dass ihre Betreuer das Karma ihrer Schutzbefohlenen erkennen würden, um die dann entsprechend zu behandeln (ich habe davon noch Bildschirmdrucke)… Ich finde die Vorstellung eigentlich ziemlich eklig.

Ich kann nicht verstehen, für was das gut sein soll, an so einen Mist zu glauben! Noch dazu, wo wir das überhaupt nicht nötig haben, uns in diesem beschränkten Fatalismus zu verorten! Wir sind schließlich ein freies Land, wir haben eine unabhängige Justiz und eine funktionierende Presse. Statt archaisch auf höhere Mächte zu vertrauen, kann jeder von uns aufstehen, sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzen. Wir müssen nicht auf Geister hoffen, wir müssen nur einfach aufpassen dass unsere Gesellschaft so frei bleibt wie sie ist, und dies vielleicht noch ein bisschen verbessern!

Während des zweiten Weltkriegs stellte die US-Amerikanische Theosophin Anne Alice Bailey die Theorie auf, “die Juden selbst seien in karmischer Sichtweise die Verursacher des Holocaust”. Eine Idee, und die typische Verdrehung von Opfer und Täter, die sich auch nach dem 2. Weltkrieg durch die Esoterik zieht, wie ein roter Faden.

Claudia Barth stellt in ihrem Buch “Über alles in der Welt, Esoterik als Leitkultur” dutzende Beispiele dieser karmischen szeneüblichen Schuldzuweisungen dar, von immer noch aktiven Esoterikern: Nicht nur über Juden (““Auschwitz” sei ein “karmischer Ausgleich” für Verfehlungen des jüdischen Volkes in früheren Leben ” Trutz Hardo, 1996), sondern auch über mißbrauchte Kinder, die sich das vorgeburtlich ausgesucht hätten. Oder russische Strahlenopfer durch Tschernobyl, die dadurch ihre Seele reinigen könnten…

Das ist ein Misthaufen aus falschen Alibis, auf dem sich diese Karma-Theorien bewegen, überall auf der Welt.

Bleibt noch zu erwähnen, dass das angebliche Aufarbeiten von “schlechten Karma” ein Riesen-Geschäft ist, gerade im New-Age, mit den entsprechenden Abhängigkeiten. Die meisten der Leute, die Claudia Barth in ihrem Buch erwähnt, nennen sich Therapeuten und verdienen ihr Geld mit hahnebüchenen Beratungen und Kursen.

Um es kurz zusammen zu fassen: Karma-Ideen sind das Alibi für die Ausführung von Gewalt, die Ausbeutung von Menschen und Akzeptanz von Ungleichheit! Kein Mensch sollte diesen Scheiß brauchen.

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Chiemgauer

Diskussionen

Ein Gedanke zu “Scheiß auf Karma!

  1. Volle Zustimmung, geschätzter Kollege!

    Aber was will man machen angesichts von von Leuten, die an Homäopathie oder MMS glauben, für die es auch keinen Nachweis gibt?

    Verfasst von NDR | Dezember 17, 2018, 1:11 am

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