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Wissenschaftstheorie und kritisches Denken

Intuition


Die heilige Intuition, ja fühlst du es denn nicht?… Jaaaa! Ganz deutlich!
Vor allem hab ich aber ein ganz großes Empfinden gegenüber Bullshit!
Ich rieche das förmlich…

Intuition ist nämlich, um das vorweg zu nehmen, auch nur eine Art von Übung. Etwas was wir so lange studiert haben, dass es uns praktisch in “Fleisch und Blut“ über gegangen ist. Rationales Denken kann man ebenso erlernen. Wer das macht, erhält die Fähigkeit, schnell zu bemerken, wenn er beschissen wird, … fast automatisch, also „intuitiv“…

Eigentlich wollte ich ja einen Artikel über „Ganzheitlichkeit“ schreiben. Und es fällt mir auf, dass fast all diese Leute, die dieses Wort gebrauchen, sich auf die Intuition beziehen. Also mach ich als Basis zuerst darüber einen Artikel.
„Ganzheitlichkeit“ will sich über die Intuition als „gefühlte Realität“  jeglicher Nachweisbarkeit entziehen, um Dinge zu verkaufen. Das ist obszön! Intuition taugt nie als Argument, was ich im Folgenden erklären werde.

TagblattGS

Was glaubt eigentlich die „alternative“ Szene, was Intuition wäre?…

Ich hab echt nochmal im Internet recherchiert, welche Erklärung Leute aus diesem ganzheitlich-alternaiv-Schwurbelsektor für die Intuition haben.
Großer Tenor ist, Intuition wäre etwas, was rationales Denken ersetzen könnte…
Gibt einige Frauen, die glauben, rationales Denken sei die männliche Form des Denkens, Intuition die weibliche…
Naja, eigentlich wurde sowas wie „Intuition“ schon von Einzellern erfunden,  und deshalb finde ich, sind solche Äußerungen gegenüber den anderen, den intelligenten und gebildeten Frauen schon sehr gemein!

Für spirituelle Menschen wäre Intuition ausserdem noch irgendwas eingeflüstertes: Etwas was man hat, wofür man sich nicht anstrengen braucht! Das einem übermittelt wird, von einer göttlichen Instanz. Hervorgebracht durch nichts-Denken, Meditation, Channeling… und je mehr sich diese Leute in ihrer Suche nach eingegebener Weisheit von der Realität abwenden, desto absurder wird aber dann das, was hinten raus kommt…
Warum das nicht wundert, werde ich ebenso in diesem Artikel erklären.

Interessant ist auch in dem Zusammenhang die komplette Vermischung der Ausdrücke „Intuition“ und „Instinkt“. Esoteriker sind kaum in der Lage, hier einen Unterschied aus zu machen..

Und Intuition wäre dann außerdem noch „höheres Bewußtsein“… hmpf…

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Basics – die beiden Systeme des Denkens

Als erstes muss ich ein wenig ausholen, über die Art wie Gehirne funktionieren. Daniel Kahneman, einer der größten Psychologen unserer Zeit (und nebenbei Nobelpreisträger im Bereich Wirtschaft), erklärt das in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ folgender Maßen:

Es gibt zwei Systeme zum Denken.

Das erste ist das „automatische“ System: abgesicherte Verhaltensweisen, und angeborene Instinkte, die nicht viel Denkleistung erfordern. Ein Reiz löst eine Reaktion aus, fertig.
Ähnlich wie die Rechenaufgabe von 2+2: Ohne Nachzudenken kann jeder das Ergebnis von uns sagen, es ist abgespeichert: Fix erlernt und Teil unseres automatischen Systems.

Das zweite System ist für die komplexen Aufgaben da.
Um bei dem Beispiel zu bleiben, für Fragen wie etwa „245+324?“. Um das heraus zu finden, muss man tatsächlich das Gehirn hochfahren, um von den automatischen Antworten abzurücken: richtig nachdenken…

Das Problem:
Nachdenken ist langsam, braucht Ressourcen und Kalorien! Eigentlich sind wir aber alle auf Faulheit programmiert, d.h. auf geringen Energieverbrauch!
Deshalb versucht das Gehirn, möglichst viele Eindrücke mit dem ersten System abzuwickeln.  Nur ganz wenige Sachen gibt es an den „intelligenten Menschen“ des zweiten Systems weiter: hauptsächlich wenn´s seltsam, neu, oder kompliziert wird. Und selbst dann kann der Mensch offenbar immer noch entscheiden, wie analog-automatisiert, oder wie profund er eine Antwort suchen will.

Das 1. System ist mehr oder weniger mit Intuition gleichzusetzen: das was ziemlich automatisiert abläuft, und nur widerwillig Bröckchen an unser Bewußtsein abgibt.
Intuition ist also kein höheres Bewußtsein, wie uns so mancher Dödel weiß machen will, sondern eigentlich eher gar keins.

Trotzdem, tatsächlich ist aber Intuition zuerst mal nichts falsches: wir brauchen sie für unseren Alltag. Wir fahren beinahe automatisch den täglichen Weg in die Arbeit, und brauchen ewig um uns anzupassen, wenn sich der Arbeitsweg ändert, …(mir geht´s zumindest so)

Und wir wissen, wie wir reagieren müssen, wenn ein Fußgänger auf die Straße läuft: Wir bremsen schon, wenn er den ersten Schritt in die Richtung macht. Dies haben wir in den Fahrstunden gelernt und so verinnerlicht, dass die Reaktion automatisch (gleichsam intuitiv) abläuft.

Der Unterschied zwischen Instinkt und Intuition ist, dass der Instinkt angeboren ist, die Intuition hingegen aber erworben bzw. erlernt wurde. Beides, Intuition und Instinkt sind simple Reaktionen auf Reize, und Teile dieses automatischen Systems.

Intuition ist  so tief gespeichert, dass wir uns dieser Fähigkeiten schon gar nicht mehr bewußt sind.

Sie hat aber nichts mystisches! Nichts was aus anderen Sphären kommt!  Ärzte z.B. haben es meist im Gefühl, was an ihren Patienten nicht stimmen könnte, Architekten haben es im Gefühl, ob ein Gebäude hält, oder ob es einfallen würde. Köche haben es im Gefühl, mit welchem Gewürz die Mahlzeit doch noch zum Gaumenschmaus wird. Das sind aber alles auch nur Erfahrungen von Spezialisten, das kann anderen Menschen schon mal wie „Eingebung“ vorkommen.

Taugen tun diese Erfahrungen nur dann, wenn´s nachher überprüft wird:

die Intuition braucht nämlich die Rückkopplung mit der Realität, um langfristig zu funktionieren, das ist der Punkt!

Genau da setzt es leider bei Esoterikern so ziemlich aus: Wer glaubt, Intuition wäre gottgegeben, wird sie nicht in Zweifel ziehen, und das ist nur dumm!

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Intuition ist doof und störungs-anfällig

Evolutionsbiologisch sind wir leider immer noch die Steinzeitmenschen, die mehr oder weniger unsesshaft in kleinen Gruppen durch die Welt ziehen –  umzingelt von Feinden und Gefahren.
Die Probleme sind aber heute andere, sie sind vielschichtiger und komplexer geworden, sodass unser 1. System nur sehr mangelhaft funktioniert:
Die Angst vor Spinnen z.B. ist uns angeboren (also ein Instinkt), obwohl wir in Deutschland fast ausschließlich ungefährliche Spinnenarten haben. Was uns aber fehlt, wäre z.B. ein intuitiver Respekt vor elektrischen Steckdosen, den müssen wir erst  erlernen oder erfahren…

Ähnliches gilt in Sachen Statistik:
In einer Gruppe von ein paar Dutzend Leuten ist die Warnung des Einzelnen erst einmal ernst zu nehmen. In Zeiten des Internet führt das gleiche Verhalten zur Paranoia, und zu einem der ganz großen gesellschaftlichen Probleme, die wir heute haben: Mit der Fülle an Informationsverarbeitung kommen die Leute überhaupt nicht klar.

Wir leben in einer Welt, die nicht mehr unserem Naturell entspricht, und die alte Intuition hilft uns da wenig weiter.
Dagegen helfen würde nur eine aufgeklärte Kritikfähigkeit, mit einer sauberen Wahrscheinlichkeits-Einschätzung, mit erkenntnistheoretischen Ansätzen, um sich in der Welt zurecht zu finden.

Statt dessen passiert vielfach das Gegenteil davon:
Leute flüchten sich vermehrt in das Irrationale, verlassen sich auf ihre Intuition, und sind wieder stolz darauf, doof zu bleiben! Das ist auch der Grund, warum so viele Leute trotz aller Ratio auf alternative Pseudo-Heilmittel stehen!
Es ist aber auch der Grund, warum rechtsextreme Parteien so einen Zulauf haben: Sie alle kümmern sich um niedere Instinkte und dumpfe Intuition, die der Notwendigkeit von offenen Gesellschaften und multikulturellen Zusammenleben nicht gerecht werden. Man tut so, als wäre man immer noch diese kleine homogene steinzeitliche Gesellschaft, bedroht von Naturgewalten und Keulen-schwingenden Feinden.

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Intuition und das Fremde.

Die Intuition mag also nichts Fremdes! Man könnte beinahe behaupten, die Intuition ist per se „fremdfeindlich“…

Statt dessen liebt sie die Vertrautheit und Harmonie. Das Fremde ist immer eine Störung dieser Harmonie. Das wird dann gerne mal mit irrationalen Ängsten hinterlegt.

Was fremd ist, ist aber manipulierbar: Zum Beispiel durch das sinnlose Wiederholen von Entitäten, dass einen Gewöhnungseffekt bewirkt, egal wie wahr oder falsch sie sind. Man schafft somit Vertrautheit. Vertrautheit und Wahrheit läßt sich aber im Alltag kaum unterscheiden! Dies nennt man auch den Mere-Exposure-Effekt.

Kahneman sagt: „Eine zuverlässige Methode, Menschen dazu zu bringen, falsche Aussagen zu glauben, ist ständiges Wiederholen“ („Schnelles Denken, langsames Denken“, Seite 85)

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Intuition und Statistik

Statistiken decken auf, wie weit wir mit unseren “gefühlten Realitäten“ falsch liegen: Wir haben Angst vor dem Fliegen, aber fahren Auto – mit vielfach größerem Risiko. Der Eindruck etwas zu kennen, und das Gefühl es (z.B. im Strassenverkehr) selbst in der Hand zu haben, läßt uns in unserer Gefahreneinschätzung so sehr daneben liegen.

Ähnliche Beispiele sind die Theorie, Immigranten würden Leuten Arbeitsplätze wegnehmen. Interessanterweise meist in Ländern, wo es eh kaum Immigranten gibt, Beispielsweise in Ungarn und Ostdeutschland.

Oder auch die Idee, Terrorismus wäre ein neues Problem in Europa, und eines, dass man als relevantes Lebensrisiko zu sehen hätte. Gemessen an allen anderen Umweltgefahren ist das nahezu Pillepalle.

Einen guten Artikel dazu findet man auf Primaklima/Scienceblogs.

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Angst und Intuition

Die Angst ist ein oft irrationales, aber wohl manchmal notwendiges Gefühl:

Es erhöhte Überlebenschancen, wenn man schwerwiegende Bedrohungen schnell erkannte. …Selbst beim modernen Menschen übernimmt System 1 in Notlagen die Kontrolle und weist Handlungen, die dem Selbstschutz dienen höchste Prioritäten zu„, sagt Kahneman (Schnelles Denken, Langsames Denken, Seite 50).

Will aber auch heißen, dass der Mensch im Gefühl von Angst jede Art von Rationalität vermissen läßt: Klar denken ist nicht mehr drin!

In der heutigen Gesellschaft passiert das ständig, dass Leuten Angst gemacht wird, um sie gefügig zu machen:

– ob das nun der Versicherungsvertreter ist, der irgendwelche Gefahren visualisiert, um Policen zu verkaufen

– oder das der Politiker ist, der gegen Randgruppen hetzt, um Stimmen zu fangen

– oder der Pseudo-Alternativheiler, der das Szenario von der ganz großen Pharmaverschwörung an die Wand malt, um irrsinnige Mittelchen zu verticken

– oder wenn Greenpeace ziemlich haltlos über Gentechnik wettert, mit Totenköpfen auf Maiskolben, als gehe davon irgendeine (Lebens-)Gefahr aus…

– oder wenn das Münchner Umweltinstitut über Gefahren der Mobilfunkstrahlung dahinphantasiert…

es ist immer das gleiche bescheuerte System! Angst frißt Hirn auf! Und wer Angst schürt, statt Argumente zu liefern hat in einer modernen Gesellschaft eigentlich nichts verloren!

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Intuition und irrationale Erfahrung

Ich hab nach dem Abi Zivildienst im Krankenhaus machen dürfen. Das war mit die lustigste Zeit in meinem Leben. Irgendwie ganz schön viel Taschengeld im Portemonnaie, lustige Zivikollegen die abends immer Zeit für ein Bier hatten, und jede Menge Schwesternschülerinnen im Wohnheim nebenan.

Wenn ich an Krankenhäuser denke, hab ich ein (fast) rundum positives Bild vor mir. Jemand, der Krankenhäuser als Patient kennengelernt hat, wird eventuell anders darüber denken. Für ihn sind Krankenhäuser vielfach verbunden mit Leid, obwohl er womöglich ohne diesen Ort nicht mehr gesund geworden wäre. Die  intuitive irrationale Angst aber bleibt!

Verquerer Weise kann das bei der Branche der Heilpraktiker und Pseudoheiler ganz andersrum funktionieren: Die richten zwar allgemein mehr Schaden an, als dass sie helfen, aber genau das verkaufen sie  mit sanften Wohlfühl-Ambiente! Intuition richtet sich selten nach Ratio, sondern nach Äußerlichkeiten!

Wer nicht in der Lage ist, seine Emotionen und seine Wahrnehmung rational zu kontrollieren, geht diesen Leuten auf den Leim, und die Intuition ist im Arsch.

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Intuition als falscher Lernprozess

Um es nochmal zu sagen: Intuition ist keine Eingebung von einem höheren Wesen! Intuition ist ein Lernprozess, und vielen „spirituellen“ Leuten ist das nicht klar. Und genau deshalb ist Ihnen auch nicht klar, wie Ihnen über manche Masche irrationaler Dünnpfiff eingetrichtert wird!

Der Psychologe Johannes Fischler erklärt ganz gut in seinem Buch “New Cage“, wie man Menschen über die Intuition manipuliert.

Es funktioniert über die klassische Esoterik: Häppchenweise in „Einweihungsschritten“ wird Menschen irrationales (dafür aber vorgekautes) Gedankengut serviert und als Wahrheit verkauft.

Durch dieses Stückeln ist es nicht so leicht, den Unsinn dahinter zu erkennen.

Die Folge ist, dass Leute sukzessive  dieses Gedankengut verinnerlichen, d.h. zu Intuition werden lassen!

Ihre rationalen Barrieren sind schon längst eingerissen. Und zur Krönung heißt es am Schluß nach erfolgreicher Indoktrination: „Und jetzt verlassen sie sich mal ganz auf ihre eigene Intuition„, die durch diese Gehirnwäsche aber schon längst komplett versaut ist.

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Das Intuitions-Paradoxon:

Um am Schluss lassen wir auch noch mal den Godfather aller Verpeilten, den Rudolf Steiner, zu Wort kommen:

Intuition wäre für ihn das „spirituelle Bewußtsein“, ein „allumfassendes ganzheitliches Bewusstsein, durch das in letzter Konsequenz die geistigen Geschehnisse im ganzen Kosmos miterlebt werden können. Es ist das umgewandelte und mit dem klaren Selbstbewusstsein verbundene Trance-Bewusstsein, das der Mensch auf dem alten Saturn hatte. Voll ausgebildet wird der Mensch es erst auf dem Vulkan haben. Durch geistige Schulung kann das intuitive Bewusstsein schon jetzt in gewissem Grade ausgebildet werden.“

Hier wird das deutlich, was ich als das Intuitions-Paradoxon bezeichne:

Wer sich auf die Intuition verläßt, ist nicht mehr intuitiv! Statt dessen verliert er durch die fehlende Rückkopplung mit der Realität jede Bodenhaftung und phantasiert wie besoffen von anderen Welten. „Ganzheitlich“ eben…

Wer sich auf die Intuition verläßt, wie diese Steiner-Jünger, verlernt seine Intuition und wird seine Mitmenschen statt dessen immer weniger verstehen!

Beispiel dazu aus meinem Blog über Kryon, und eine weitere Lichtarbeiter-Sekte in Inzell.

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Zum weiter lesen:

Empathie, wenn das Bauchgefühl trügt, Spektrum.de

Intuition und Homöopathie – warum man der Homöopathie so gerne Glauben schenkt

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